Die Schuldfrage

10 Sep

Beginnen wir mit der Schuldfrage, die einem fast sicher von anderen, manchmal auch von sich selbst, gestellt wird aber ebenso dämlich wie sinnlos ist.

Ich gebe zu, ganz kurz, aber wirklich nur wenige Sekunden lang habe ich mir die Frage selbst gestellt: Warum ich, und hätte das verhindert werden können?

Im selben Augenblick war mir glasklar, dass diese Fragen sinnlos sind, weil es 1. keine Antwort darauf gibt und mir 2. eine Antwort zu nichts mehr nütze wäre. Deshalb stelle ich diese Fragen weder mir selbst noch anderen Betroffenen, und sollte ich sie, vielleicht auch nur durch die Blume, jemals trotzdem jemandem stellen, bitte ich um leichte Schläge auf den Hinterkopf, um mein Gedächtnis aufzufrischen.

Von anderer Seite, auch von meiner näheren Umgebung, wurden diese Fragen, teils in abgewandelter Form, jedoch immer wieder an mich herangetragen. Ich weiß nicht, was sie so interessant macht, und ob ich vielleicht in der Vergangenheit ähnlich gehandelt habe (ich glaube eigentlich nicht). Jedenfalls kann es mit der Zeit etwas nervig werden, immer wieder erklären zu müssen, dass sie völlig irrelevant sind.

Die Standardfrage lautet also: „Wie bekommt man denn sowas?“

Von psychologisch kompetenter Seite habe ich bestätigt bekommen, was ich ahnte: Diese Frage ist die vorsichtig umschriebene Frage danach, was man denn um Himmels Willen falsch gemacht habe, damit man „sowas“ bekommt. Verbunden damit ist meist ein bischen die Hoffnung, dass der so Befragte etwas antworten möge, was auf den Fragenden bitte nicht zutrifft. Das würde ja immerhin sicherstellen, das man selbst davor gefeit ist, auch „sowas“ zu bekommen.

Für den Betroffenen ist diese Frage (und eine Antwort, wenn es sie denn gäbe) am sinnlosesten. Er hat ja bereits „sowas“. Für ihn wie alle anderen wäre, wenn überhaupt, die Frage interessant, wie lässt sich eine weitere Ausbreitung oder eine weitere Erkrankung verhindern. Aber auch auch die lässt sich in dieser absoluten Form definitv nicht nicht beantworten. Einen konkreten Grund für die konkrete Erkrankung einer bestimmten, konkreten Person kann man nicht angeben, Punkt.

Alles was sich für einige wenige Krankheiten sagen lässt, und auch da mit ganz erheblichen Unsicherheiten behaftet, ist, wie sich  die Wahrscheinlichkeit zu erkranken beeinflussen lässt.

Dass ein Raucher mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit an Lungenkrebs erkrankt als ein Nichtraucher ist eine Binsenweisheit. Jeder weiß aber auch, dass ein Raucher gesund bleiben und ein Nichtraucher erkranken kann (was fatalerweise oft genug als Argument eingesetzt wird, um das Rauchen zu rechtfertigen). Auch ist zumindest wahrscheinlich, dass ein hoher Gemüseverzehr insbesondere mit reichlich Ballaststoffen die Wahrscheinlichkeit einer Darmkrebserkrankung herabsetzt, während Übergewicht und Alkoholkonsum die Wahrscheinlichkeit an einigen Krebsarten zu erkranken wohl steigert.

Aber auch bei einem massiv übergewichtigen, kettenrauchenden Alkoholiker ohne jeglichen Gemüseverzehr, kann keiner dieser Faktoren mit Sicherheit für eine konkrete Krebserkrankung dieser Person verantwortlich gemacht werden, noch besteht irgendeine Sicherheit, nicht zu erkranken, wenn man alle möglichen und unmöglichen Ratschläge beachtet.

Selbstverständlich ist es keine schlechte Idee, zu versuchen Risikofaktoren möglichst gering zu halten. Aber das schützt eben trotzdem nicht sicher davor zu erkranken, und bei einer Erkrankung dann aber nach eine Schuld zu suchen ist ebenso unangebracht wie sinnlos.

Nachtrag: Ein lesenswerter Artikel zum Thema findet sich hier

Wenn man auch sicher einige Aussagen dieses Artikels relativieren muss.

10 Antworten to “Die Schuldfrage”

  1. Druffgugger 16. September 2010 um 16:12 #

    Warum ich?
    Davon habe ich mich auch erst vor kurzem befreit, von dieser Falle.
    Manche Erkenntnis kommt automatisch mit zunehmender Lebenserfahrung (jedenfalls bei den meisten) und anderes muß man einfach stoisch hinnehmen.
    B. A.

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  2. Pan Narrans 2. Oktober 2010 um 01:20 #

    Als ebenfalls Betroffener kann ich da nur voll Zustimmen. Mit derlei Gedanken macht man sich nur unnötig fertig. Da ist es besser, sich auf das zu konzentrieren, was jetzt getan werden muss.
    Mittlerweile reagiere ich auf (sicher auch wohlmeinende) Spekulationen, woher ich „das“ haben könnte, mit der todernst vorgebrachten Antwort, dass im Jahr 2000 ein Flare der Sonne jede Menge Partikel losgeschickt hat, und das 345.498.400.867 ste Alphateilchen mich getroffen hat.

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  3. Amazonen - ein Brustkrebssprojekt 19. April 2014 um 21:32 #

    ich habe mir die Frage auch oft gestellt – vor allem, weil ich neben genetisch bedingtem Brustkrebs noch 2 andere angeborene Krankheiten habe (Schrumpfniere und Epilepsie). Herausgekommen ist: Schicksal!
    Nach all den Überlegungen muß ich abschließend sagen: eigentlich hat es das Schicksal gut mit mir gemeint: mit all den Krankheiten habe ich 2 Kinder, einen wunderbaren Mann, bin clever, gut ausgebildet und glücklich!

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