Und weiter …

10 Sep

Aufschneiderei …

Die OP-Planung sah vor, dass der Lappen mit dem diagnostizierten Knoten vollständig, der andere bis auf einen kleinen Rest zu entfernen sei, sofern sich intraoperativ kein Hinweis auf Bösartigkeit ergeben sollte. Im Falle eines solchen Hinweises war die radikale Entfernung sowie die Resektion der benachbarten Lymphknoten vorgesehen. Die dienstags stattfindende OP verlief planmäßig offenbar ohne Hinweis auf Malignität und ich sollte nach Mitteilung am Freitagmorgen am nächsten (Samstag-) Morgen entlassen werden, da der Heilungsverlauf planmäßig ohne weitere Komplikationen war. Das wäre mir auch sehr recht gewesen, da zu der Zeit, Mitte Juli 2009 einige sehr heiße Tage waren, und der Aufenthalt unangenehm zu werden begann.

Am Nachmittag diesen Freitags suchte mich dann der operierende Chirurg auf mit der Bitte um ein Gespräch. Ohne dass der ein weiteres Wort zu sagen brauchte, war mir die Bedeutung dieser Bitte klar, und meine Ahnung wurde auch postwendend bestätigt. Mittags war ein Fax mit dem histologischen Befund des entnommene Gewebes eingegangen, das die Malignität bestätigte. Die Mitteilung war dann dahingehend, dass bereits am nächsten Tag die Komplettierungsoperation stattfinden sollte.  Obwohl er ein älterer Routinier und begleitet von einer ebenfalls scheinbar erfahrenen Ärztin war,  schien mir der Chirurg  einigermaßen unsicher, was das Überbringen solcher Nachrichten und die Erklärung des Befundes betraf. Ich selbst war in diesem Moment zu erschlagen, um weitere Fragen zu stellen, und so wusste ich zunächst auch nicht, um welche Art Karzinom es sich handelte. Das sehr seltene aber hochagressive anaplastische Karzinom hätte ja ein fast sicheres Todesurteil bedeutet, und so war ich entsprechend nervös und zunächst vollkommen verunsichert. Diese nicht ganz glücklich gelöste Aufklärungssituation war einer der wenigen Aspekte der ganzen bisherigen Behandlung, die ich eher negativ in Erinnerung habe.

Eine sehr positive Rolle in der ganzen Geschichte spielt der Chefarzt der Allgemeinchirurgie des behandelnden Krankenhauses, von dessen medizinischer Kompetenz ich überzeugt bin, sie aber als Nichtmediziner letztlich nicht endgültig beurteilen kann, dessen außerordentliche menschliche Kompetenz aber völlig außer Frage steht. Er hatte, außerhalb der üblichen Chefarztvisite, für jeden (auch Kassen-) Patienten fast täglich Zeit für einige Worte oder zumindest einen Händedruck. Eben dieser Arzt sah mich etwas unsicher durch den Gang laufen und nahm sich die Zeit, mir in Ruhe den ganzen Befund  zu erklären, wozu der Chirurg (der davon abgesehen handwerklich sehr gute Arbeit geleistet hatte) nicht die Zeit (den Mut?) gehabt hatte.

Als erstes fiel das Wort differenziert, was eine große Last von mir nahm, da die differenzierten Karzinome, die weitaus bessere Prognose haben. Dass es sich trotzdem um einen zumindest als pT3b einzustufenden Befund handelte, da mehrere Teiltumore vohanden waren, die alle bereits die Schilddrüsenkapsel verlassen hatten, war nach dieser ersten Information leichter zu ertragen. Da ich bereits vorher meinen Laptop in dieser Hinsicht befragt hatte, konnte ich diesen Befund einigermaßen einordnen.

Es folgte eine Laryngoskopie im Hinblick darauf, ob die Stimmbandnerven die 1. OP unbeschädigt überstanden hatten, was der Fall war, und am nächsten Morgen die, nun etwas umfänglichere, Komplettierungs-OP, bei der, nach Eröffnung der alten Wunde, der Schilddrüsenrest, sowie 13 Lymphknoten und das umgebende Fett- und Bindegewebe entfernt wurden.

Das bei dieser OP entnommene Gewebe war dann histologisch komplett unauffällig, sodass es beim ursprünglichen Befund pT3b N0 Mx blieb.

Wegen der nun doch deutlich umfangreicheren inneren Wunde, war die Heilung entsprechend langsamer. Die anfangs noch krächzend aber immerhin vorhandene Stimme wurde zusehends schlechter, was zunächst wegen des gleichzeitig einsetzenden Hustenreizes (mit einer Halswunde nicht unbedingt angenehm) auf eine beginnende Bronchitis geschoben wurde, die ich mir offenbar aufgrund des Durchzuges wegen der ständig offenstehenden Fenster und Türen eingefangen hatte (es war allerdings in diesen Tagen auch nicht anders auszuhalten und von mir und den Mitpatienten durchaus so gewünscht). Es kam dann zwischenzeitlich Atemnot aufgrund einer Schwellung hinzu, die mit zeitweiser Sauerstoffunterstützung erträglich war.

Samstags, eine Woche nach der 2.OP, wurde ich schließlich (ein wenig auch auf eigenen Wunsch) nach Hause entlassen.  Die Stimme war zu diesem Zeitpunkt kaum noch vorhanden. Eine sich verstärkende Atemnot am nächsten Tag brachte mich dann bald wieder in ärztliche Behandlung. Um die ggf. sich anbahnende Gefahr einer Lungenentzündung abzuwenden wurde antibiotisch abgedeckt. Eine weitere Laryngoskopie brachte schließlich an den Tag, dass das linke Stimmband in mittiger Stellung stillstand, obwohl der dazugehörige Nerv während der 2.OP beim Neuromonitoring noch regelrecht geantwortet hatte und die Stimme unmittelbar nach der OP noch leidlich vorhanden war. Das war sie jetzt leider nicht mehr.

Eine Antwort to “Und weiter …”

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  1. In den Finger geschnitten « Kall's Einwürfe - 15. November 2010

    […] sondern in den Hals statt. Dass und warum man mir den Hals aufgeschnitten hat, habe ich ja bereits geschrieben und ist ja auch nicht unwesentliches Thema dieses Blogs. Hier geht es konkret um die Situation, wo […]

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