Radioactivity …

16 Sep

… 3,3Gbq Jod131, und dabei bin ich doch eigentlich gegen Kernkraft.

Die Chirugie hatte ihre Arbeit getan. Man gab mir noch auf den Weg, dass ich jetzt noch ein bischen Radiojodtherapie machen müsste und dann wär die Geschichte gegessen. Soweit die Theorie.

In der Praxis sieht das Programm beim  differenzierten Schilddrüsenkarzinom aus Patientensicht eher (oftnoch) so aus: ca. 4 Wochen Schilddrüsenhormonentzug mit Gang durch eine mehr oder minder üble Schilddrüsenunterfunktion um eventuell verbleibene Restzellen jodhungrig zu machen, Radiojodtherapie („Bestrahlung von innen“), AHB, nach 3-6 Monaten Radiojoddiagnostik, oft wieder nach Hormonentzug mit Unterfunktion und oder 2. RJT ggf. weitere Radiojoddiagnostik und dann irgendwann regelmäßige Nachsorgeuntersuchungen beim Nuklearmediziner. Auf den radioaktiven Kram wird nur bei Mikrokarzinomen verzichtet.

Eine Alternative zum Hormonentzug ist die Gabe von Thyrogen, einem gentechnisch hergestelltem menschlichen schilddrüsenstimulierenden Hormon (TSH), das den gleichen Effekt hat aber ziemlich teuer ist. Das erspart einem die Symptome einer massiven Schilddrüsenunterfunktion. Allerdings muss man 1. von solchen Alternative wissen und 2. eine Klinik finden, die das macht und 3. mit der gesetzlichen Krankenkasse abrechnet.

Nun war und bin ich selbstständig tätig und meine Kundschaft fing trotz tatkräftiger Unterstützung durch meine Tochter an, mich spüren zu lassen, dass, wenn ich mir allzu lange damit Zeit ließe wieder auf der Bildfläche zu erscheinen, sie sich langsam aber sicher verkrümeln würde.

Mit Hilfe einer Selbsthilfeorganisation konnte ich eine entsprechende Klinik finden und die Radiojodtherapie ohne Hormonentzug organisieren. So konnte ich die 4 Wochen bis zur RJT  ohne allzu große Beschwerden abwarten und zwischenzeitlich schon wieder vorsichtig in die Arbeit einsteigen.

Radiojodtherapie findet aus m. E. sehr sinnvollen Strahlenschutzgründen ausschließlich stationär in speziellen Isolierstionen statt, aus denen man erst wieder rausgelassen wird, wenn die Strahlung entsprechend abgeklungen ist (ca. 4-5Tage, effektive Halbwertszeit ca. 8-12 Stunden).  Es kamen 3,3 GBq Jod 131 zum Einsatz. Zum Vergleich die Aktivitäten/kg „verseuchter“ und für den Verzehr verbotenen Lebensmittel nach Tschernobyl wurde im Bereich von Kilobequerel gemessen, es ist also schon eine ganz hübsche Dosis, entsprechend vorsichtig und sinnvoll ist das Verhalten des Personals, das auf Abstand bzw. Abschirmung bedacht ist. Die Nebenwirkungen sind erträglich und sicher  nicht vergleichbar mit denen einer Chemotherapie oder externen Bestrahlung und beschränken sich akut auf kurzfristige Kopfschmerzen durch das Thyrogen, Magenprobleme und Halsschmerzen. Langfristig, so auch bei mir, kann die Funktion der Speichel- und Tränendrüsen beeinträchtigt sein, was sich u.a. durch verstärkte Mundtrockenheit äußert. Bei höheren kumulierten Dosen, etwa wenn mehrere RJTs erforderlich werden,  ist das Leukämierisiko leicht erhöht.

Nun glaube ich ja, ein relativ ökologisch korrekter Mensch zu sein und bin daher prinzipiell eigentlich eher ein Gegner der Atomkraft und des Atommülls. Aber sowohl in der Diagnostik (Tc99) als auch in der Therapie (I131) werden künstlich hergestellte Radioisotope eingesetzt und ich war damit als Patient auf das Vorhandensein entsprechender (Forschungs-)Reaktoren angewiesen, die Vorraussetzung für die Produktion der Radiodiagnostika und -therapeutika sind. Das hat mir zwar kurzfristig zu denken gegeben aber auch kein schlechtes Gewissen bereitet. Ich bin trotzdem weiterhin für die Eindämmung des Atomstromerzeugung aber inzwischen für den Betrieb und sogar Ausbau der Forschungsreaktorkapazität, nachdem mir bewusst wurde, dass durch den gleichzeitigen Ausfall mehrerer Reaktoren zur Radionuklidproduktion die Versorgung mit Radiotherapeutika und -diagnostika ernsthaft gefährdet ist, wie z.B. hier zu lesen ist.

Eine Antwort to “Radioactivity …”

Trackbacks/Pingbacks

  1. Ganz schön aktuell « Drkall's Einwürfe - 27. September 2010

    […] zum Beitrag vom 16. noch ein bischen Nostalgie: Kraftwerk ist auch schon ganz lang her, aber die Musik finde ich […]

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