Wenn es an’s Sterben geht …

21 Jan

hab ich den Titel genannt, um ein bisschen zu provozieren, und ich hab ein bisschen gezögert, den Beitrag zu veröffentlichen. Aber ich versuch’s einfach mal.

An verschiedenen Stellen meiner Blogosphäre sind in den letzten Tagen Diskussionen aufgekommen um das Thema letzte Stunden/Tage/Wochen, um Angehörige, hoch(über)dosierte Schmerzmittel, Abschieben, Entsorgen, gehen lassen und vieles andere. Ich habe zwar eine ziemlich gute Prognose, habe mir aber trotzdem hin und wieder über das Thema Gedanken gemacht, wie ich denn in einer Situation behandelt werden möchte, in der klar ist, dass ich in nicht allzu langer Zeit abtreten muss und ggf. auch Schmerzen oder andere unangenehme Begleitumstände zu ertragen hätte.

Auch was mein Verhältnis zu meinen Angehörigen und dem was ich ihnen zumuten kann oder von ihnen erwarten würde, habe ich mir Gedanken gemacht. Da ich mit dem Gedanken machen noch nicht fertig bin, stelle ich sie hier mal zur Diskussion, vielleicht ergibt sich ja noch die ein oder andere Anregung.

Um sich aus dem Leben zu verabschieden gibt es ja unendlich viele Möglichkeiten, die einen treffen können. Bei vielen hat man keine oder kaum Gestaltungmöglichkeiten, was das Geschehen betrifft. Unfälle passieren einfach, Herzinfarkte, Schlaganfälle etc. lassen einem, wenn sie denn tödlich sind, auch nicht viele Möglichkeiten.

Mir geht es um eine Situation, in die zu kommen sich die wenigsten wünschen, in die jedoch, wie die Entwicklung aussieht, immer mehr Menschen kommen werden, nämlich zu wissen, dass man innerhalb eines sehr überschaubaren Zeitrahmens sterben wird. Oft, aber nicht ausschließlich, ist dies im Endstadium einer Krebserkrankung der Fall. Schon heute ist mehr als jeder 5. im Laufe seines Lebens von der Diagnose Krebs betroffen und mit zunehmender Lebenserwartung werden es immer mehr werden. Bei weitem die meisten dieser Betroffenen sterben nicht an der Krebserkrankung oder deren Folgen, aber diejenigen, die es trifft, und auch das werden mehr werden, haben in der Regel eine mehr oder weniger lange Zeit am Ende Ihres Lebens, in der sie (und auch ihre Angehörigen) wissen, dass sie bald sterben werden und dabei mit mehr oder weniger starken, oft nur schwer erträglichen, Beschwerden konfrontiert sein werden. Einige, mir zwar nicht persönlich bekannte, Menschen aus dem Umfeld der Selbsthilfe, deren Schicksal ich aber mit verfolgt habe, mussten im vergangenen Jahr diesen Weg gehen.

Vorausschicken muss ich, dass ich, sofern ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht hochbetagt wäre, alle Optionen, die irgendwie eine Lebensverlängerung versprechen, ausschöpfen würde. Das hat nichts mit einem irgendwie „heroischen“ Kampf oder Kleben am Leben zu tun, ich möchte einfach, solange ich nicht selbst der Überzeugung bin, dass meine Zeit gekommen ist, mir und denen, die mir eng verbunden sind, solang wie möglich erhalten bleiben. Erst wenn die verbleibende Zeit definitv und überschaubar abzusehen wäre, würde ich eine Behandlung, die Beschwerden mildert aber ggf. lebensverkürzend wirken könnte, vorziehen, aber natürlich nach Absprache mit mir bzw. unter Beachtung meiner (hoffentlich dann vorliegenden) Verfügungen.

Die eigentliche Frage ist: Wie und wo sollte/könnte sie sein, die letzte Zeit, das eigentliche Sterben. Ist es wichtiger gut palliativ betreut zu sein, oder ist es wichtiger die, die einem nahestehen möglichst dauernd um sich zu haben, was kann man ihnen zumuten, und was hält man selbst aus?

Natürlich erscheint es verlockend, seine Liebsten so intensiv wie möglich um sich zu haben, also die letzte Zeit zuhaus zu verbringen. Aber ist das wirklich eine gute, oder die beste, Lösung? Ich für mich hege da Zweifel.

Einmal möchte ich palliativ so gut wie möglich betreut werden. extreme Schmerzen müssen heute nicht mehr ausgehalten werden, sie lassen sich besser denn je behandeln, wenn auch nicht völlig vermeiden. Auch Luftnot und daraus resultierende Erstickungsangst, die ich aus eigener Erfahrung noch schlimmer als Schmerz empfinde, sind meist gut behandelbar. Die Voraussetzungen dafür scheinen mir z.B. in einem Hospitz besser zu sein als in den meisten Fällen in häuslicher Umgebung.

Die andere Frage, die sich mir stellt, ist: Ist es für das Verhältnis zu den mit nahestehenden Personen wirklich besser, wenn man sich ständig nahe ist? Man kann das vermutlich nicht pauschal beantworten, aber diese Zeit ist für den, der gehen muss vermutlich in den meisten Fällen bereits ziemlich anstrengend und das dürfte auf das Verhältnis zu den Angehörigen abfärben. Hinzu kommen Ängste, wie es „danach“ weitergehen mag, vielleicht auch Wut („warum lässt Du mich allein“), wenn die Zeit den anderen gehen zu lassen noch nicht reif scheint, oder wenn, wie es aufgrund meiner Vita bei mir sein dürfte, die Angehörigen schlecht versorgt zurückgelassen werden. Man kann versuchen, das zu überspielen oder zu meiden, aber ich glaube, es wird sich nicht unterdrücken lassen.

Deshalb komme ich vorläufig für mich zum Schluss, dass mir persönlich für mich selbst wohl eine Art Hospiz, möglichst nicht zu weit weg, die am besten vorstellbare Lösung wäre.

Es wäre interessant, andere Meinungen dazu zu lesen.

Eine Schlussmemerkung: Es mag befremdlich erscheinen, dass ich dies in meinem Blog anspreche.  Erfahrungen aus dem persönlichen Umfeld haben mir gezeigt, dass es nicht schlecht ist, diese Fragen für sich vor dem möglichen, wenn auch unwahrscheinlichen, Ernstfall zu klären. Dass ich das in Form von Patientenverfügung und anderen Vorsorgen noch nicht getan habe, behagt mir selbst nicht. Ich weiß auch, dass es unter meinen Angehörigen welche gibt, die solche Themen wo immer es geht meiden und schon gar nicht offen darüber diskutieren würden. Da diese Fragen an anderer Stelle in letzter Zeit öfter wieder aufgetaucht sind, fand ich es lohnenswert noch einmal darüber nachzudenken und glaube gleichzeitig bemerkt zu haben, dass auch woanders darüber Diskussionsbedarf besteht.

Nachtrag:
Da ich sehe, dass dieser Post noch hin und wieder gelesen wird, trage ich hier mal nach, dass es bald nach der Veröffentlichung dieses Textes dann auch eine Patientenverfügung, im Wesentlichen im o.a. Sinne gegeben hat, die immer noch so gilt und auf absehbare Zeit weiter gelten wird. Darüberhinaus sind darin natürlich auch noch weitere Fragen geregelt.

4 Antworten to “Wenn es an’s Sterben geht …”

  1. Anonym 22. Januar 2011 um 20:16 #

    Ich finde es nicht befremdlich, jeder sollte sich irgendwann mit diesem Thema beschäftigen. Früher oder später betrifft es uns alle. Ich habe in den letzten Jahren 2 mir sehr nahestehende Menschen verloren. Beide sind an Krebs gestorben und beide in einem Alter, in dem man sich normaler weise nicht mit dem Sterben beschäftigt. Mein Mann war erst 43 und er war so lange zu Hause bis er selbst den Wunsch hatte im Krankenhaus zu sterben. Er hat sich bei mir bedankt, dass er nicht in ein Hospiz abgeschoben wurde. Und für mich war es sehr wichtig, dass ich bis zuletzt seine Hand halten konnte. Aber wie im Leben sind auch wenn es ans Sterben geht nicht alle Menschen gleich. Manche fühlen sich sicher auch im Hospiz geborgen und in manchen Fällen ist eine Betreuung zu Hause nicht möglich. Wirklich planen kann man aber bei dieser Krankheit von Anfang an nicht. In Österreich gibt es seit einigen Jahren die Sterbekarenz für Angehörige und auch mobile Hospizbetreuung. Irgendwie hilflos und ausgeliefert ist man leider in jedem Fall – als Betroffener und als Angehöriger.

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  2. Wolfram 24. Januar 2011 um 08:28 #

    Es ist gut, darüber beizeiten nachzudenken. Erstens mal trifft es nicht nur alte Leute (die denn auch meist wesentlich älter sind als man selbst; für meine Großeltern war noch mit 80 klar, daß sie keine „alten Leute“ sind!), und zweitens sollte man versuchen, mit seinen Angehörigen darüber auch mal zu sprechen.
    Klar, viele sperren sich: darüber will ich nicht reden, ich will dich nicht krankreden, wenn wir darüber reden, dann passiert dir bald was… das ist Aberglaube.

    Wenn jemand partout ablehnt, darüber zu sprechen, dann gehts eben ohne diese Person; die muß dann aber auch hinnehmen, was ohne sie besprochen und ggfs. beschlossen wird.
    Hier in Frankreich wird man aufgefordert, eine Vertrauensperson zu benennen, die quasi für einen antwortet, wenn man selbst nicht mehr kann. Das kann die Ehefrau sein oder der Ehemann oder eins der Kinder, aber auch ein guter Freund. Das sollte natürlich den anderen Familienmitgliedern gesagt und erklärt werden – und diese Person sollte man möglichst gut in Kenntnis setzen über das, was man will oder nicht will.

    Unsere Eltern fangen jetzt an, sich Gedanken darüber zu machen; das ist wahrlich nicht zu früh. Ich selbst denke noch für mich allein, aber noch habe ich keine Schlüsse. Vielleicht sehe ich auch zu viel…

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  3. Dreibein Peter 2. Februar 2011 um 21:06 #

    Es ist durchaus nicht befremdlich, sich mit diesem Thema zu befassen. Meist sind es Krankheit, das Alter oder Krankheits- oder Sterbefälle in der Umgebung, die diese Gedanken aufkommen lassen. Die Jugend hat es da ja leichter, für sie ist die Zukunft lang und weit weg.
    Unsere Zukunft ist irgendwie absehbar.
    Warum also nicht darüber nachdenken?

    Viel wichtiger noch ist der Aspekt, daß man auch mal darüber spricht und gerade da stoßen die meisten ja auf Widerstand, weil der Partner sich diese Situation gar nicht vorstellen mag und deshalb auch nicht darüber sprechen will.
    Deshalb: Vollmacht und Patientenverfügung, besser ist das.

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  4. smillaswelt 10. März 2011 um 20:44 #

    In meiner Schwiegerfamilie wird über Tod und Alter und Versorgung, Pflege und Co nicht gesprochen, die wären pikiert, wenn man das Thema anschneiden würde. Die Schwieger-Uroma ist nun 85..ich bin gespannt, wie sich die Dinge dort entwickeln.

    Bei uns in der Familie ist das Thema ein Thema, was zum Leben dazugehört. Meine Großeltern haben sich frühzeitig einen Platz in einem betreuten Wohnen gesichert, ihr Haus verkauft, das Erbe mit warmer Hand verteilt und mit dem Bestatter Verträge gemacht und bezahlt, Patientenverfügungen, Testamente- sie haben an alles gedacht, sogar ihre Beerdigungen im Detail geplant.
    Meine Oma hat bei der aktiven Sterbehilfe aber dann später einen Rückzieher gemacht, als es soweit sein sollte, mein Opa wollte sie und ihm wurde sie verwehrt. 3 Ärzte bescheinigten, dass er kerngesund sei- 3 Tage später ist er verstorben. Auch wenn man vorsorgt, bekommt man leider nicht immer, was man möchte.

    Ich würde gern so ein betreutes Wohnen im Alter mit Betreuung jeglicher Art wahrnehmen, sie waren zuhause und doch gut versorgt und konnten zuhause in aller Ruhe sterben, waren aber nie allein und in vertrauter Umgebung. Nur kenne ich hier in Deutschland keine Einrichtung dieser Art und in den Niederlanden sind sie so gefragt, dass man dort kaum einen Platz bekommen würde.

    Hier würde ich ein Hospiz vorziehen, ich habe einen Freund dort besucht und es hat ihm sehr gut dort gefallen. Letztendlich ist man doch allein.

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