Atom, Atom, Atom

18 Mrz

Anscheinend gibt es zur Zeit nur noch dieses eine Thema. Jeder meint, seinen Senf dazu geben zu müssen, und eigentlich wollte ich mich ja dabei zurückhalten. Aber die Art und Weise, wie das Thema diskutiert wird, reizt mich einfach zu sehr, auch etwas dazu zu sagen.

Ganz allgemein scheint eine Art blinder Aktionismus in dieser Hinsicht zu herrschen. Angefangen von den Maßnahmen der Bundesregierung über die Stellungnahmen der verschiedenen politischen Kräfte, die Berichterstattung in den Medien bis hin zum Krisenmanagement in Japan selbst, das man allerdings eher als verzweifelt bezeichnen möchte, was aber nicht ganz unverständlich ist, da die zur Verfügung stehenden Optionen wirklich nicht attrakiv zu sein scheinen und man deshalb eben einfach alles mal ausprobiert. Etwas mehr Koordination und im Einzelfall auch schnellere Reaktion wäre vielleicht angebracht gewesen. So wurden wohl erst gestern oder vorgestern ferngesteuerte Roboter aus Deutschland angefordert, um ggf. in Bereiche höherer Strahlenbelastung vorzudringen. Das hätte man freilich schon früher tun können. Das meiste andere, was dort zur Zeit geschieht, entzieht sich im Wesentlichen unserer Beurteilung, da wirklich verlässsliche Informationen über die lokalen Möglichkeiten kaum zur Verfügung stehen.

Trotzdem ist die Zahl der „Live-Ticker“ hierzulande, und vermutlich auch anderswo, ins schier Unermessliche gestiegen. Die Qualität der darin verbreiteten Informationen allerdings scheint sich eher umgekehrt proportional dazu zu entwickeln. Von der Interpretation der Fakten in den Medien will ich sowieso erstmal lieber absehen, aber was allein schon an Verdrehungen und wirklich offensichtlichen Fehlern bei den harten Fakten und physikalischen Gegebenheiten verbreitet wird, ist schon sehr bedenklich. Da werden aus Millisievert mal eben Sievert gemacht oder umgekehrt, da werden Werte, die auf Stunden bezogen sind, mit Jahresdosen verglichen, Dosis mit Dosisleistung etc.

Die verschiedenen Hüllen der Kraftwerke und Reaktoren werden lustig durcheinandergewürfelt, und ungefähr 23 mal Tag meldet sich irgendein Experte zu Wort, der meint, der Kampf gegen den Supergau (massive Freisetzung von Radioaktivität) stehe auf der Kippe und die nächsten 24 Stunden seien die entscheidenden, das allerdings seit mindestens einer Woche. Ich will das Geschehen an den havarierten Kraftwerksblöcken keinesfalls verharmlosen und sehe auch nicht, dass eine Freisetzung in der Größeneordnung von Tschernobyl ausgeschlossen wäre, aber bisher haben sich eben alle Prognosen als falsch erwiesen, und genau darin liegt die Gefahr: Irgendwann sind die Menschen eingelullt und nehmen das Ganze nicht mehr ernst, das ist dann in der Regel leider oft genau der Zeitpunkt, wo man es ernst nehmen müsste.

Da werden die 50 verbliebenen Techniker und Ingenieure als Helden verehrt, die im Angesicht des sicheren Todes dort der japanischen Nation einen letzten Dienst erweisen, und in den Social Webs wird dazu aufgefordert ihnen doch bitte durch Platzieren ebensolcher Heldenverehrung eine quasi letzten Dienst zu erweisen. Diese Menschen haben ganz klar meinen Respekt, denn sie sind vermutlich einer größeren Gefahr ausgesetzt als andere. Aber das ist auch so ziemlich alles, was einigermaßen sicher gesagt werden kann. Ob sie an den Folgen dieses Einsatzes in kurzer Zeit sterben werden, ob und welche Schäden sie davon tragen werden, weiß zur Zeit kein Mensch, und man möge sich solcher Spekulationen doch bitte enhalten.

Und eben schon wieder eine reißerische Schlagzeile:
„Feuerwehr-Einsatz in der Strahlenhölle“ (bei T-online)
Aber keine Angabe welche Strahlung dort tatsächlich herrscht, wäre vermutlich auch sinnlos, da sie mit den Einheiten sowieso nichts anfangen können, wie sie in den letzten Tagen eindrucksvoll bewiesen haben. Sowas muss doch nicht sein!

Diese unsägliche Emotionalisierung, die von den Medien, allen voran unserem vierbuchstabigen Boulevardblatt, aber auch den öffentlich rechtlichen, nach Kräften mitbetrieben wird, nützt in Japan niemandem!

Dort sind möglichst rationale Einschätzungen der Situation gefragt, Expertenwissen, möglichst ohne wirtschaftliche Interessen, sachliche Entscheidungen. Wir können mit Expertenrat und technologischer Unterstützung behilflich sein, wenn das gewünscht wird, und sollten diese dann schnellstmöglich und unbürokratisch gewähren. Mehr können wir nicht tun.

Damit will ich nicht sagen, dass wir nicht mitfühlen dürften oder sollten, denn das dürfen wir. Mitleiden können wir nicht, denn wir leiden eben nicht, wie diejenigen, die ihre Angehörigen verloren haben, wie die, die vor dem materiallen Nichts stehen, wie die Kinder, die bei Temperaturen unter Null in Notquartieren ausharren müssen.

Die Forderungen, was hierzulande zu tun sei, ließen selbstverständlich auch nicht lange auf sich warten. Und natürlich haben sich alle politischen Kräfte nicht entblödet, das Disaster für das Kochen des eigenen Süppchens auszunutzen. Von der eine Seite wurde gefordert alle AKWs sofort stillzulegen und die andere Seite beharrte zunächst darauf, dass bei uns alles anders ist, was stimmt aber nicht indem Sinne, wie es gemeint war. Als dann die Meinung der Bevölkerung eine andere war, war es eine Sache von nur einem Tag, das Fähnchen aus wahltaktischen Gründen in de Wind zu hängen und mal schnell ein bisschen Aktionismus an den Tag zu legen, wohl wissend, dass man damit im Moment wenig ändert. Vielleicht hat man ja auch die Hoffnung, dass man, wenn Gras über die Sache gwachsen ist, wieder weitermachen kann, als wäre nichts geschehen. Es ist an uns, kein Gras über die Sache wachsen zu lassen, aber mit sachlichen, wissenschaftlich und wirtschaftlich fundierten Argumenten und nicht mit Schüssen aus der Hüfte. Solche Argumente zu finden und aufzubereiten braucht etwas mehr Zeit und Ruhe als diese paar aufgeregten Tage.

Jetzt wäre die Chance dran zu bleiben. Beharrlich öffentliche Aufklärung und Dokumentation verlangen, wie gut die Kühl- und Notkühlsysteme gegen Versagen geschützt sind, wie angreifbar sie sind. Verschärfte Sicherheitsauflagen durchsetzen. Die geregelte Abschaltung der ältesten Meiler betreiben. Nicht im Hauruckverfahren die sofortige Abschaltung aller Kernkraftwerke fordern, weil das niemand ernst nehmen kann. Die Auflage eines attraktiven Förderprogramms für erneuerbare Energien fordern. Speichertechnologien ausbauen (Pumpspeicher in Skandinavien) und weiterentwickeln (z.B. Druckspeicher). Regierungen daran messen, ob sie das verwirklichen. Wer das Knowhow entwickelt, kann es später verkaufen, das kann zum Standortvorteil werden.

6 Antworten to “Atom, Atom, Atom”

  1. Silke 22. März 2011 um 02:45 #

    Hallo Kall!
    Das nicht von heute auf morgen alle AKW in Deutschland abgeschaltet werden können, ist wohl jedem klar. Ich sehe diese Forderung als „Verhandlungsbeginn“, an dessen Ende der bereits vor Jahren entschiedene Ausstieg aus der Atomenergieerzeugung steht. Das dies hier in D. so schnell nach den Nachrichten aus Japan hoch kochte, liegt m.M.n. daran, dass der Großteil der Bevölkerung nicht mit dem von der amtierenden Regierung betriebenen Ausstieg aus dem Ausstieg einverstanden war, aber erst durch diesen Anlass die nötige Wut hatte, um dagegen zu protestieren.
    Das wir über die genaue Strahlenbelastung in Japan keine verlässlichen Zahlen haben stimmt. Aber dafür können wir hier nichts. Das heißt noch lange nicht, dass wir ruhig bleiben und die Klappe halten sollten. Wir haben genauso alte Reaktoren, wie die in Fukushima und wir haben genauso (falls die diesbezügliche Berichterstattung über das jap. Unternehmen korrekt ist) zur Fälschung von brisanten Daten bereite Unternehmer wir dort. Das hat die Vergangenheit gezeigt. Das radioaktive Strahlung in erhöhter Dosis schädlich für uns ist, dass wissen wir mittlerweile auch aus Erfahrung. Und dabei spielt es keine Rolle, wie groß der angerichtete Schaden ist. Niemand hat das Recht meine Gefahr an Krebs zu erkranken oder zu sterben zu erhöhen, auch nicht um 1Prozent, nur um damit Geld zu verdienen. Denn AUSSCHLIEßLICH darum geht es – sonst hätten wir längst mehr Ökostrom.
    Liebe Grüße
    Silke

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    • drkall 22. März 2011 um 03:45 #

      Viel was anderes hab ich eingetlich auch nicht gesagt. Im Prinzip wäre es vermutlich sogar möglich alle oder fast alle AKWs abzuschalten und wir hätten außer einem gelegentlichen Verteilungsproblem und der Notwendigkeit relativ oft ein paar Gaskraftwerke schnell hochzufahren, keine wesentlichen Schwierigkeiten, wobei die Verteilungsprobleme wg. des sträflich vernachlässigten Netzausbaus wohl noch am schwierigsten zu bewältigen wären. Im übigen werden wir die Situation, das der größte Teil der AKWs abgeschaltet ist in den nächsten Monaten sowieso haben, da, zusätzlich zu den vom Netz genommenen alten, etliche Meiler turnusmäßig (wirklich ?) wegen Wartungsarbeiten runtergefahren werden. Auch das ist anscheinend kein Problem für die Konzerne. Trotzdem ist es in meinen Augen nicht klug, mit der Maximalforderung á la alles abschalten sofort anzufangen, da diese Forderung auf der anderen Seite keiner wirklich ernst nimmt. Das momentan von den Grünen diskutiert Ausstiegsszenario scheint mir einigermaßen realistisch, vielleicht sollte man etwas schärfer rangehen, wenn man den Komplettaussstieg in ca. 15-18 Jahren dann tatsächlich realisiert haben will. Dass die alten Gurken sofort stillgelegt werden sollten und nach Möglichkeit nie wieder ans Netz gehen sollten, ist eigentlich auch klar, und das könnte man durch geeignete Sichherheitsauflagen, die _vor_ einer erneuten Inbetriebnahme zu erbringen wären auch ganz leicht erreichen, da die alten Meiler dann für die Versorger auf jeden Fall uninteressant wären. Dies würde insbesondere bei den Meilern Sinn machen, bei denen wie in Japan Abklingbecken außerhalb des Containments liegen, die ja, wie Japan gezeigt hat, neben den Notkühlsystemen eine der wesentlichen Achillesfersen der Kraftwerke sind.

      Das Prinzip Fordern und Fördern kann man ganz einfach auf die Energiewirtschaft anwenden: Wenn bestimmte Technologien durch entsprechende Auflagen zu teuer werden, werden sie automatish untinteressant (Fordern), wenn entsprechend Förderprogramme aufgelegt werden und man mit alternativen Technologien Geld verdienen kann, werden die Konzerne auch irgendwann zugreifen, und wenn nicht, verdienen das Geld halt die Kleineren, was auch nicht schade wäre (Fördern). Man könnte natürlich auch die Gedanken von Gunter Dueck, der wie immer gnadelos Recht hat, umsetzen ( http://www.omnisophie.com/day_137.html ), aber sich DAS konkret bei uns vorszustellen erfordert schon mächtig viel Phantasie. Eigentlich müsste ich den Artikel schon längst wieder ergänzen, da es mittlerweile ein paar wirklich belastbare und interessante Zahlen und Simulationen über die Belastung in den Gebieten rund den Havaristen und global gibt (einen Teil davon findet man nach etwas Suchen bei den Atompiraten), komme aber nicht recht dazu.

      Kleine launige Anmerkung zum Schluss: Ich habe 3,3 GigaBq und danach nochmal 250 MegaBq J131 (fast) schadlos überstanden, weil das meine sonstigen Überlebenschancen drastisch verbessert hat, was ich allerdings niemandem ohne Not und ohne weiteres nachzuahmen empfehle. Meine Wahrscheinlichkeit mir dafür eine andere Krebserkrankung einzuhandeln ist dadurch kaum messbar größer geworden, die Wahrscheinlichkeit, einen Lungenkrebs zu entwickeln, ist sogar etwas gesunken. Es ist eben alles relativ.

      Der am übelsten verseuchte Spinat in Japan hatte bis jetzt 54 KiloBq/Kilogramm. Den würde ich zwar keinem Kind geben, aber ein Erwachsener könnte sich gefahrlos eine ganze Weile davon ernähren ohne sein Krebsrisiko irgendwie zu erhöhen. Und diese Werte _in Japan_ liegen auch noch Größenordnungen von dem entfernt, was in Tschernobyl freigesetzt wurde und im Moment auch unter dem, was von Tschernobyl _bei uns_ noch angekommen ist.

      Aber wie gesagt, ich will das ganz sicher nicht verharmlosen, und weiß, dass das noch lang nicht überstanden ist und noch Einiges nachkommen kann.

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  2. Silke 22. März 2011 um 22:18 #

    Alles was du hier zur Energieerzeugung aus Atomkraft schreibst, sehe ich ähnlich. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die heutigen AKW-Betreiber sich nicht genauso für die Erzeugung erneuerbarer Energien einsetzen würden und werden, wenn das die einzige Möglichkeit zum Geld verdienen bliebe.

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  3. ulf_der_freak 22. März 2011 um 23:12 #

    Atomkraft hat der Teufel geschaffen!

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    • drkall 22. März 2011 um 23:26 #

      Welcher war’s?
      * Ahriman
      * Angat
      * Azazel
      * Baphomet
      * Beelzebub
      * Beliar
      * Chutriel
      * Urian
      * Iblis
      * Luzifer
      * Mephistopheles
      * Satan
      * Schaitan
      * Yerlik

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