Zutiefst verunsichert

3 Apr

bin ich, je länger ich das Geschehen in Lybien beobachte, z.B hier.

Daher resultiert auch mein nachdenklicher Post von gestern.
Ist es / war es richtig einzugreifen, ist das eine gerechtfertigte Art und Weise einen Despoten vom Thron zu stoßen? Geht das überhaupt? Ginge es auch anders? Ist das Blut, was dort vergossen wird, doch ein zu hoher Preis? Bestand je eine realistische Chance, Gaddafi zu vertreiben ohne den Einsatz von Bodentruppen oder zumindest Unterstützung durch Waffenlieferungen und Ausbildung der Oppositionellen? Wäre das nicht im Widerspruch zum UN-Beschluss?

Ich habe mich dran erinnert, dass ich einmal versucht habe, den Kriegsdienst zu verweigern und aufgrund der damals noch üblichen „Gewissensprüfung“, die teilweise recht willkürlich gehandhabt wurde, nicht anerkannt wurde. Mit schweren Gewissensbissen bin ich dann doch bei der Bundeswehr gelandet und konnte mich letztlich mit dem damaligen theoretischen Verteidigungsauftrag halbwegs arrangieren, wohl wissend, das die Praxis damals schon anders aussah. Ich war gegen den „Nachrüstungsbeschluss“ und hatte später große Probleme mit den Auslandseinsätzen der Bundeswehr.

Und jetzt Lybien. Ich war überrascht (?), dass sich Deutschland bei der UN-Resolution enthalten hat, obwohl die Bundeswehr in Afghanistan steht. Und ich war eigentlich überzeugt, dass, wenn es denn ein international militärisches Eingreifen gäbe, dass sich irgendwie rechtfertigen ließe, es wohl das in Lybien sein müsste. Für mich kam dieses Eingreifen auch zu spät.

Mittlerweile bin ich unsicher. Kann man den Einsatz befürworten, wenn man sich gleichzeitig eigentlich für einen Pazifisten hält? Kann man andererseits zusehen, wenn ein Despot mit aller Brutalität sich nicht scheut, notfalls die Hälfte seines Volks umzubringen, um an der Macht zu bleiben? Haben die Aufständischen, mit oder ohne Eingreifen der Alliierten, überhaupt eine realistische Chance? Wer sagt denn, dass es besser wird, wenn Gaddafi beseitigt ist?

Deutschland hat mit dem ersten Auslandseinsatz der Bundeswehr, die nach ihrem Auftrag eine reine Verteidigungsarmee sein sollte, seine Unschuld verloren. Allerdings frage ich mich, ob es für eine in die Nato, die sich nach dem Ende des kalten Krieges und dem Verlust der traditionellen Feindbilder grundlegend gewandelt hat, eingebundene Bundeswehr überhaupt möglich gewesen wäre, sich zu verweigern. Hätte man sich nach diesem Wandel mit dem Hinweis auf den Verfassungsauftrag der Bundeswehr aus der Nato zurückziehen sollen, hätte man das überhaupt gekonnt?

Viele Fragen, und ich finde keine schlüssige Antworten. Noch glaube ich, dass es, nach all den vielen Fehlern, die man im Verhältnis zu diesem Despoten in den Jahrzehnten vorher gemacht hat, keine wirkliche Alternative zum Einsatz gegen Gaddafi gab, weil der einfach ein derart pathologischer Fall ist, dass man mit einem Völkermord hätte rechnen müssen. Mittlerweile hege ich ernsthafte Zweifel, dass das Ziel ihn loszuwerden mit den Mitteln, die formal nach dem UN-Beschluss zur Verfügung stehen, erreichbar ist. Es wird wohl wieder ein schmutziges Geschäft werden. Immer noch bin ich der Meinung, Deutschland hätte sich zumindest dem Beschluss nicht verweigern sollen, wenn ich auch eine militärische Beteiligung wegen der besonderen Geschichte trotzdem für problematisch hielte.

Ich kann nur inständig hoffen (und mittlerweile beten), dass dabei ein halbwegs demokratisches Staatswesen herauskommt, und dass die Alliierten auf Einflussnahme auf die Entwicklung dieses Staatswesens verzichten werden, und dass der Blutzoll nicht ins Unermessliche steigt. Ich hege allerdings starke Zweifel, dass das so sein wird.

Und ich bin tief verunsichert, dass ich, obwohl ich mir eine pazifistische Grundhaltung zugute halte, doch, wenn auch mit vielen Vorbehalten, einen Waffengang gutheiße. Ich bin in dieser Beziehung mit mir alles andere als im Reinen.

Eine Antwort zu “Zutiefst verunsichert”

  1. Smilla 3. April 2011 um 15:44 #

    Also ich fand die Enthaltung Deutschlands schlimm und habe dieses Verhalten überhaupt nicht verstanden. Die englischen und auch andere ausländischen Medien diskutierten darüber und kamen zu dem Schluß, dass bei uns Landtagswahlen seien, deswegen würde Deutschland sich wohl enthalten.
    Das hat mich erst recht auf die Palme gebracht. Da wird ein Volk abgeschlachtet und Deutschland sagt „nö“, wir greifen nicht ein, uns geht das nichts an.
    Gerade bei unserer Geschichte würde ich mir wünschen, dass wir den anderen Nationen beistehen und nicht zaudern und dann zu spät und über Umwege eine Beteiligung finden, ich finde das heuchlerisch, opportunistisch, einfach nur schlimm!
    Die Libyer sich selbst zu überlassen, ist ein schöner ideeller Gedanke, der aber nicht funktionieren wird. Denn natürlich gibt es auch dort Andere, die ihre Position festigen möchten. Das ist so, das ist überall so. Da wird schon eine schützende Hand notwendig sein…
    Ich war mal Mitglied in einem Vorstand, besser gesagt, Vorstandsvorsitzende und gleichzeitig Geschäftsführerin (für PR/Marketing+Einkauf eigentlich etwas Schönes..) Als meine Vorgängerin mich eingearbeitet hat, meinte sie mal, wenn Du das überstanden hast, bist Du reif, als Irak-Iran Unterhändler zu arbeiten. Ich habe das nicht so recht verstanden, da ich mich als sehr kommunikatives und durchsetzungsfähiges Persönchen gehalten habe, da kriegt man so ein paar Leute doch in den Griff. Es war schlimm, es gab so viele Intrigen, Unehrlichkeiten, Spielchen, das kann man sich nicht vorstellen. Ich habe Geheimtreffen abgehalten, mich mit Männern vom Betriebsrat privat getroffen (die ihren Frauen irgendwas erzählt haben) und Strategien ausgehandelt. Musste mich dort umhören, wie Maßnahmen aufgenommen werden würde, ohne etwas zu verraten, mußte vertrauensvolle Personen finden, die wirklich still halten können und habe Leute ausgenutzt, die es nicht konnten, um gezielt Informationen zu streuen. Da mußte man einen Überblick über die Netzwerke haben, wer mit wem etwas zu tun hat und da wurden manche Verträge geschlossen, auch weil es strategisch günstig war. Ich will nicht wissen, wie es bei solch großen Länderübergreifenden Dingen ist, aber es wird ähnliche Strukturen geben und auch ähnliche Vorgehensweisen.
    Das was am letztendlich als Ergebnis da stehen wird, auch am Boden, wird von den Entscheidungen der Beteiligten z.B Deutschlands sich zu enthalten, viel maßgeblicher beeinflußt, als durch das Geschehen am Boden selbst.

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