Fukushima

12 Apr

So langsam wird die Lage klarer, und kritischer. Und langsam scheint man zumindest bei einigen Medien, wie z.B. der SZ (siehe unten) zu begreifen, dass man sich als Journalist auch vor dem Schreiben eines Artikels angemessen informieren und das Erfahrene sachlich und ohne Sensationsheischerei darstellen kann.

Bei allem Verständnis für Befürchtungen und bei aller eigenen Ablehnung der Kernkraft als Technologie, von der ich glaube, dass sie letztlich nicht mit der notwendigen Sicherheit beherrschbar ist, war die Berichterstattung und auch das, was teileweise von angeblichen Experten verlautbart wurde, bisher zu einem erheblichen Teil grottenschlecht bis abenteuerlich. Dabei hat sich unter anderem auch die sogenannte Gesellschaft für Strahlenschutz e.V. mit ihren Exponenten und angeblichen Experten Pflugbeil und Lengfelder negativ hervorgetan, indem z.B. behauptet wurde, dass die in Fukushima eingesetzten „Helden“ allesamt todgeweiht wären oder dass das Unglück dort bereits jetzt (vor mehr als eine Woche) schlimmer als das von Tschernobyl sei. Solche zwar spektakulären aber aufgrund der damals (und heute) verfügbaren Daten völlig spekulativen Behauptungen sind in höchstem Maße unseriös und unwissenschaftlich.

Die vereinigte Journaille war auch im Wesentlichen eher an spektakulären Schlagzeilen als an handfesten Tatsachen interessiert, was weltweit zu eine dramatischen Verunsicherung und teils abartigen Panikreaktionen geführt hat. In den USA waren zeitweise Jodtabletten ausverkauft, obwohl eine Einnahme weder gerechtfertigt noch gefahrlos war. In Frankreich wurde Eltern empfohlen, sie sollten ihre Kleinkinder mit Jodlösung einreiben, in China hat man sich um Jodsalz geprügelt und vermutlich massiv Gesundheitsschäden durch einen exzessiven Kochsalzkonsum in Kauf genommen. Ich will das nicht alles unfähigen und sensationsgeilen „Journalisten“ ankreiden, ein Gutteil davon geht aber sicher auch auf deren Konto.

Fassen wir zusammen: In Folge eines Erdbebens mit nachflogendem Tsunami fielen in einer großen Kernkraftwerksnanlage Notkühlungen aus, es gab Wasserstoffexplosionen mit Zerstörung von Kraftwerksgebäuden und teilweisen Zerstörungen von Containments sowie evtl. Defekte bei Reaktordruckgefäßen. Durch den Ausfall der Kühlung kam es zu teilweisen Kernschmelzen in ein oder zwei Cores und wahrscheinlich zumindest zu Schäden an Brennelementen in Abklingbecken. Infolge der Explosionen kam es zu erheblichen aber kurzfristigen Freisetzungen von Radioaktivem Material. In unmittelbarer Umgebung des Reaktoren auf dem Betriebsgelände kam es vereinzelt zu Dosisleistungen, die beim Menschen innerhalb von wenigen Stunden, teilweise innerhalb von weniger als einer Stunde, zu Dosen führen konnte, die die maximal in Notfällen akzeptable Jahresdosis bzw. maximal in Notfällen erlaubte Einzeldosis erreichen konnten. Zwei Arbeiter wurden einer solchen Maximaldosis ausgesetzt, mehrere weitere erhielten Dosen im Bereich der maximalen Jahresdosis für Einsatzpersonal. Von todgeweiht kann damit nicht geredet werden, ein im Vergleich zur unbelasteten Bevölkerung um wenige Prozent erhöhtes Risiko im Laufe des Lebens an Krebs zu erkranken, kann damit aber sehr wohl verbunden sein.

Die anfangs als INES 5 eingestuften Unfälle wurden mittlerweile auf INES 7 hochgestuft. Auch wenn das die gleiche Stufe ist wie beim Unfall von Tschernobyl, heißt das gegenwärtig noch nicht, dass die Folgen des japanischen Unfalls mit denen von Tschernobyl gleichzusetzen oder gar gravierender wären. Zwar ist das radioaktive Inventar von Fukushima um ein Mehrfaches größer als das von Tschernobyl, aber die Unfälle und deren Ablauf sind in keiner Weise zu vergleichen. In Tschernobyl wurde in sehr kurzer Zeit etwa das 10-fache der in Japan bisher insgesamt freigesetzten freigesetzten Aktivität in die Luft geblasen und durch den dortigen Graphitbrand und den dadurch bedingten Kamineffekt über ein sehr weites Gebiet verteilt, wodurch es riesige Gebiete gab, die um Größenordnungen höhere Belastungen abbekommen haben als die derzeitge Sicherheitszone um Fukushima. Das heißt natürlich keinesfalls, dass die Lage in Japan nicht sehr viel brisanter werden könnte, wenn, durch welche Umstände auch immer, ein großer Teil des dort vorhandenen Inventars noch freigesetzt würde. Nur ist das zur Zeit eben noch nicht der Fall. Der oben verlinkte SZ-Artikel ist einer der wenigen, wo sich wirklich einmal ein Journalist schlau gemacht hat und die verfügbaren Fakten ordentlich zusammenfasst und bewertet.

Das Gleiche gilt für diesen Artikel, in dem die tatsächlichen momentanen Risiken für die im Umkreis von Fukushima sich aufhaltenden Menschen dargestellt werden, und zu dem ich nicht viel hinzuzufügen habe. Ergänzend sollte man aber vielleicht noch dazu sagen, dass man Zahlen wie um ein oder auch mehr Prozent erhöhte Krebsrisiken auch immer vor dem Hintergrund des allgemeinen Risikos von unbelasteten Personen, irgendwann an Krebs zu erkranken, sehen muss, das zur Zeit bei uns zwischen 25 und 30 Prozent liegt.

Bleibt zu hoffen, dass gut recherchierte und von Spekulationen weitgehend freie Berichte, wie beiden hier verlinkten, endlich langsam die Regel statt die Ausnahme werden.

Update:
Eine schöne Analyse und gleichzeitig sehr treffende Aussage , nämlich dass Fukushima bisher nicht der schwerste aber der bei weitem komplizierteste nukleare Zwischenfall in der Geschichte der Kerntechnik ist, findet sich hier, ein lesenswerter Artikel. Fukushima ist sicher gravierender als Three Mile Island, aber die Folgen sind bisher noch nicht so schlimm wie bei Tschernobyl. Das Hauptproblem ist, dass die Lage eben sehr kompliziert ist. Durch eine Versiegelung z.B. mit Betonpumpen, könnte man das radioaktive Inventar abschotten, müsste dann aber auf die Kühlung verzichten und riskiert ggf. weitere Erhitzung und ein Weiterschmelzen des/der Cores. Kühlt man weiter, bis die Restaktivität genügend abgenommen hat, was sehr lange dauern kann, besteht weiterhin die Gefahr, dass immer wieder radiokatives Inventar nach draußen gelangt.

2 Antworten zu “Fukushima”

  1. Wolfram 13. April 2011 um 01:26 #

    In Frankreich wurde Eltern empfohlen, sie sollten ihre Kleinkinder mit Jodlösung einreiben,

    Hm, das hab ich gar nicht mitgekriegt! Ich dachte immer, Jod nimmt man zum Desinfizieren… aber dem hiesigen Gesundheitsministerium ist ja einiges zuzutrauen!

    Spaß beiseite, ich wundere mich, daß ich diese Info bei dir finde, obwohl ich im Land wohne. Was ich gesehen und gehört habe, war eigentlich wesentlich moderater, von der Debatte um die Atomdebatte mal abgesehen.

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    • drkall 13. April 2011 um 01:38 #

      Die Empfehlung mit der Jodlösung, die wirklich kompletter Schwachsinn und nicht ganz ungefährlich ist, wenn man sie konsequent anwendet, geisterte wohl durch etliche französische Foren und kam auch in Anfragen an das französische Schwesterforum unseres deutschen Selbsthilfeforums für Schilddrüsenkrebspatienten vor (http://www.forum-thyroide.net/). Dort muss es wohl sehr viel ziemlich merkwürdige Anfragen im Zusammenhang mit einer vermeintlichen Gefahr durch das japanische Unglück gegeben haben. Zwei Töchter der Chefin des französischen Forums leben zur Zeit in Japan, daher der etwas nähere Bezug dazu.

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