Bin ich noch (wieder) der Alte?

7 Jun

Das habe ich mich schon öfter gefragt. Und das meine ich an dieser Stelle weniger die körperlichen als die psychischen Aspekte betreffend. Letztes Jahr hatte ich ja was die körperlichen Dingen angeht schon einmal ein kleines Resumé gezogen, am damaligen Zustand mit den erwähnten Einschräkungen hat sich wenig geändert.

Ich nehme jetz seit einem Monat endlich statt 175µg Levothyroxin nur noch 175µg und 150µg im Wechsel. wesentliche Auswirkungen hatte das bisher nicht, allenfalls mein Blutdruck ist ein wenig gesunken, sodass man ggf. den Betablocker nochmals etwas runterdosieren könnte. Zunächst will ich aber noch einige Wochen abwarten, denn es dauert erfahrungsgemäß 6-8 Wochen, bis sich die Wirkung einer Dosisänderung beim Schilddrüsenhormon stabilisiert hat. Die Stimmbandlähmung fällt denjenigen, die mich nicht vorher kannten, im Alltag kaum auf, mit den sich daraus ergebenden Einschränkungen kann man auch leben, obwohl die Aussicht, dass sich daran wohl nichts mehr ändern wird wenig schön ist.

Kognitiv empfinde ich ebenfalls Einschränkungen. Ich bin nicht mehr so konzentriert, oder besser nicht so lange konzentriert wie früher. Ich brauche mehr Zeit für die gleiche Arbeit als früher, das ist umso ausgeprägter, je mehr Konzentration die Arbeit verlangt. Die Augenblicke, in denen ich das Gefühl habe ganz und gar dabei zu sein und völlig im Tun aufzugehen, die ich früher vor vielen Jahren immer wieder hatte und  sehr vermisst habe, sind hingegen erstaunlicherweise wieder ab und zu da. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich habe das, Gefühl, dass dies etwas mit der neuerlichen Beschäftigung mit Zen und dem noch(?) etwas mühsamen Unterfangen  zu tun hat, wieder eine Zen-Praxis zu gewinnen.

Bei all dem habe ich mehr Probleme mich zu organisieren, lasse mich leichter ablenken. Ich mag nicht alles auf die stramme Einstellung mit Schilddrüsenhormonen schieben, die sicher ihren Anteil daran hat. Während man in Unterfunktion bzgl. Schilddrüsenhormoneinstellung  ja eher träge ist mit dementsprechenden kognitiven Einschränkungen, bringt die Überfunktionssituation, in der ich mich befinde, eher Probleme bei der Konzentration mit, da man deutlich „hibbeliger“ ist. Andererseits bringt das ständige Leben auf „Hochtouren“ trotzdem eine leichtere Ermüdbarkeit mit sich. Fatique wurde auch schon ins Spiel gebracht auch daran könnte etwas dran sein.

Eigentlich sollte man meinen, es ist doch alles in Ordnung, es gibt keine ernsten Hinweise auf ein Rezidiv, selbst wenn wäre es vermutlich gut zu beherrschen. Trotzdem bin ich anders geworden, was ich mir eine Weile nicht eingestehen wollte, es wird mir aber immer deutlicher.

Dass ich in manch psychischer Hinsicht ein anderer bin als vor der Diagnose wird mir mehr und mehr klar, sowohl in positiver als auch in negativer Hinsicht, es hat einfach Spuren hinterlassen, und ich glaube die lassen sich nicht vollständig verwischen, vermutlich wäre das auch gar nicht gut.

Einerseits lebe ich bewusster, kann kleine Dinge mehr genießen, auch wenn das meiner Umgebung nicht so sehr auffällt, mir schon. Andererseits bin ich dünnhäutiger geworden, reagiere manchmal heftiger als gewollt. Einerseits lebe ich mehr im hier und jetzt, mache mir weniger Gedanken um die fernere Zukunft, andererseits versuche ich oft zu krampfhaft Fehler zu vermeiden, was die Ergebnisse nicht unbedingt verbessert.

Die Diagnose und ihre Folgen, die Krankheitsaufarbeitung haben auch alte Wunden, Schwächen und Verletzungen, die tief begraben waren, wieder ans Tageslicht befördert, die nun einer Aufarbeitung harren. Eine Aufgabe, der ich mich möglichst bald stellen möchte, denn ich merke, dass sich diese Dinge nicht mehr wieder einbuddeln lassen. Auf die bei diesem Prozess notwendige Führung und Unterstützung muss ich allerdings immer noch warten, da die Therapeutin, mit der ich zusammenarbeiten möchte  noch Zeit braucht, um die Voraussetzungen bzgl Kostenübernahme zu schaffen. Darauf warte ich nun schon bald ein Jahr.

Zusammenfassend würde ich die Eingangsfrage so beantworten:
Der Alte bin ich nicht mehr und werde ich wohl auch nicht mehr werden. Ich bin anders geworden, und mein Leben ist anders geworden, in bestimmter Hinsicht anstrengender, materiell ärmer, in bestimmter Hinsicht bewusster, vielleicht auch reicher. Dass unser finanzieller Spielraum erheblich enger geworden ist und bisweilen an den Rand der Existenzbedrohung geht, hat sicher nicht nur aber auch mit der Erkrankung zu tun. Das empfinde ich eigentlich am ungerechtesten, denn daran trifft mich weder Schuld, noch habe ich das bewusst verhindern können. Solche Folgen sollten in unserer Gesellschaft eigentlich nicht vorkommen, sind aber nach meiner Erfahrung nicht selten. Die anderen Einschränkungen, die in der Folge von Diagnose und Therapie eingetreten sind, habe ich zwar auch nicht zu vertreten, aber es fällt mir leichter sie zu akzeptieren.

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7 Antworten to “Bin ich noch (wieder) der Alte?”

  1. Sue 8. Juni 2012 um 17:38 #

    Hallo Karl,

    leider ist ein wirtschaftlich-sozialer Abstieg bei einer schweren Erkrankung schon fast die Regel.
    Meine Erwerbsunfähigkeitsrente liegt nach knapp dreissig Jahren in einem Sozialberuf, unter dem Harz IV Satz und um den, durch behördliche Zuschüsse zu erreichen, habe ich jede Menge Papierkrieg, werde ständig überprüft und werde behandelt wie ein Drückeberger.
    Ich interpretiere das Wort Sozialstaat heute ganz anders.

    lieben gruss sue

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  2. sakarinevada 10. Juni 2012 um 11:40 #

    Hallo Karl,

    Es ist wirklich ein Ungerechtigkeit wegen einer schweren durchgemachten Krankheit ans Existenzminium zu geraten. Du hast so ziemlich genau über die gleichen Gedanken geschrieben wie auch ich.

    Meine Prognose ist gut, aber die Krankheit hat mich als Mensch verändert. Sowohl im negativen als auch im positiven Sinne.

    Die Erkenntnis, nie mehr die zu sein wie vor der Erkrankung , hat sehr viel Zeit gebraucht um es teilweise zu akzeptieren. Das Gute schon, aber an dem was an Schmerzen, und Konzentrationsmangel übriggeblieben ist, daran kaue ich Zeitweise sehr.

    Schlafmangel gehört leider auch dazu, und damit ist es ein zusätzliches Problem mit der Konzentration.
    Liebe Grüsse
    Ursula

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  3. Chaoskatze 12. Juni 2012 um 17:20 #

    Ja, es bleibt einfach, egal, was passiert. Man wird erwachsener, in einer Art und Weise, die nicht unbedingt jeder nachvollziehen kann. Es wird zur eigenen Geschichte…

    Was den finanziellen Status angeht – klar, es ist unfair und ja, weder gerecht noch selbstverschuldet. Nur hat keiner je behauptet, dass das Leben gerecht wäre… Ich muss auch sagen, dass wir immer noch ziemliches Glück haben. Wenn ich das mit Erkrankten aus anderen Ländern vergleiche… wäre ich bei dem Großteil aller Länder entweder schon längst tot oder auf der Straße. Das sollte man nicht vergessen…

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    • Karl 12. Juni 2012 um 22:29 #

      Nein, dass sollte man sicher nicht vergessen. Und das tue ich auch nicht. Imprinzip bin ich schon der Meinung in einem der (noch) mit einem der besten Sozialsystme ausgestatteten Land zu leben.

      Mir fällt nur auf, dass unser Sozialsystem doch an vielen Stellen große Löcher hat, die einer gewissen Logik entbehren. Einerseits gibt es Menschen, die, in Not gekommen, von mehreren Stellen gleichzeitig aufgefangen werden, um die isch persönliche Betreuer kümmern, denen persönlich Ausbildungen, Umschulungen etc. besorgt werden, deren Erfolg durch flankierende Maßnahmen gesichert wird, und denen ich das ausdrücklich von Herzen gönne. Andererseits werden andere Menschen, genauso unverschuldet in eine schwierige Situation gekommen, komplett allein gelassen. Einerseits habe ich vor längerem, als das für mich noch möglich war, einen langzeitarbeitslosen Schwerbehinderten eingestellt und für den jede Menge Unterstützung vom Arbeitsamt erhalten, andererseits, ist mein eigener Schwerbehindertenstatus aus jahrelanger Selbständigkeit kommend und um Vermittllungsbemühungen in einen angestellten Job bittend völlig irrelevant, da ich nicht im Leistungsbezug stehe und deshalb nicht gefördert werden kann. Wie soll ich auf diese Weise im fortgeschrittenen Alter für einen Arbeitgeber für eine zeitlang attraktiv genug werden, dass ich meine Eignung und meinen Nutzen überhaupt erstmal beweisen kann.

      Ich WILL ja garnicht in den Leistungsbezug, da ich mich NOCH mehr schlecht als recht selbst erhalten kann, ich WILL ja gar nicht dem Sozialsystem zur Last fallen. Ich möchte nur Unterstüzung, um meine Fähigkeit, mich durch Arbeit selbst zu erhalten auf längere Zeit zu sichern, mehr nicht, weil ich merke, dass mir die Zusatzbelastung durch den mit der Selbständigkeit verbundenen Mehraufwand schwerer fällt als früher, wo ich auch eine 90 Stunden Woche locker weggesteckt habe. Aber da ist eben ein Loch, und durch dieses falle ich offensichtlich durch. Das ist mein konkretes Beispiel. Ich kenn andere, komplett anders gelagerte Fälle, wo aber ebenfalls, hauptsächlich durch schwere Erkrankungen, in Schwierikeiten geratene Menschen durch andere Löcher fallen.

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      • Chaoskatze 13. Juni 2012 um 16:21 #

        Ja, da gebe ich dir schon recht. Mich regt es auch immer wieder auf, dass man in Hartz4 100 Euro dazu verdienen kann und in Erwerbsunfähigkeit nicht. Wollte das nur mal erwähnt haben, weil mir das so zu verlieren gegangen schien…

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  4. katerwolf 8. Juli 2012 um 18:14 #

    lieber karl, ich lasse dir ganz liebe grüße hier *knuddel*

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Trackbacks/Pingbacks

  1. 3 Jahre « Kall's Einwürfe - 19. Juli 2012

    […] Rekapitulieren. Gestern bin ich diesmal nicht groß dazu gekommen. Ein wenig habe ich es im Prinzip vor gut einem Monat bereits vorweg genommen. Ich bin tatsächlich nicht wieder der alte geworden noch bin ich es […]

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