3 Jahre

19 Jul

war es gestern her, dass mit der Komplettierungs-OP mein Hals von den letzten Schilddrüsenresten sowie von etlichen Lymphknoten befreit wurde.

Für mich eine Art Jahrestag, da dies der definitve Beginn der medizinischen Aktion gegen die SD-Karzinome war. Die Erst-OP war ja ursprünglich nicht wegen einer Krebserkrankung geplant.

Ein Jahrestag zum Innehalten und Rekapitulieren. Gestern bin ich diesmal nicht groß dazu gekommen. Ein wenig habe ich es im Prinzip vor gut einem Monat bereits vorweg genommen. Ich bin tatsächlich nicht wieder der alte geworden noch bin ich es geblieben, obwohl ich immer noch ich bin.

Im Vergleich zum ersten und auch noch zum zweiten Jahrestag ist eine gewisse Normalisierung eingetreten. Man gewöhnt sich sozusagen an alles. Die Nachsorgen sind zu etwas Normalem geworden, Nervosität deswegen findet eigentlich nur noch an einem oder zwei Tagen rund um den Termin statt. Trotzdem nehme ich die „Einschläge“ der Todesfälle um mich herum sensibler wahr, ob es mir persönlich unbekannte Menschen sind, die eine gewisse Bedeutung in meinem Leben hatten, wie zuletzt Jon Lord, der Keyborder von Deep Purple, Menschen in meinem persönlichen Umkreis oder Menschen mit ähnlichen Erkrankungen aus dem Umkreis der Selbsthilfe oder aus dem Umkreis der virtuellen Bekannten. Das bereitet mir keine Angst mehr, wie zeitweise früher mal, aber lässt mich trotzdem mit einer gewissen Wachsamkeit zurück.

Den Effekt der geringfügig gelockerten Hormondosis kann ich noch nicht genau beurteilen, vielleicht deutet sich eine etwas größere „physiologische Gelassenheit“ an. Der Blutdruck scheint sich auch auf etwas niedrigerem Niveau einzupendeln und ich überlege jetzt ernsthaft zu fragen, ob ich den Betablocker etwas runterfahren könnte, evtl. auch oder alternativ die Lyrica Dosis wieder von 75/150 auf 75/75 runterzufahren, wenn die 150er wieder mal alle sind, da auch dieses Medikament etwas bremst, weil ich in letzter Zeit wenig bis gar keinen Brennschmerz mehr in den Füßen verspüre. Vielleicht wären die kognitiven Auswirkungen dann geringer. Obwohl der Brennschmerz abgenommen hat, sind die Bereiche von Empfindungsstörungen an den Füßen etwas größer geworden und auch die Muskelzuckungen in Ruhe haben sich von den unteren Extremitäten nach oben ausgebreitet, ohne dass das allerdings bereits störend wäre.

Nur schwer gewöhnen kann ich mich an die Stimmbandlähmung, die nervt komischwerweise umso mehr, je unauffälliger sie im Alltag für meine Umgebung wird. Als die Stimme auch im „Normalbetrieb“ noch schlecht war, war offensichtlich, dass etwas nicht stimmte. Meistens vermutete man eine schwere Erkältung, mal hab ich darüber aufgeklärt, mal auch nicht. Jetzt klingt die Stimme bei normaler Gesprächslautstärke und ohne Hintergundgeräusche fast völlig normal, und die Einschränkung zeigt sich erst, wenn ich länger reden muss oder die Laustärke anheben müsste, was aber nicht funktioniert. Bei Menschen mit normal funktionierendem Stimmapparat geschieht diese Anhebung der Lautstärke völlig unbewusst, wenn etwa eine Telefonverbindung schlecht ist oder Hintergrundgeräusche vorhanden sind. Dass man z.B. auf einer Feier über lange Strecken lauter geredet hat als normal, merkt man normalerweise erst am nächsten Tag, wenn man heiser ist. Den Grund dafür schreibt man meistens anderen Umständen zu.

Ich dagegen komme schon bei relativ geringen Pegeln von Hintergundgeräuschen nicht dagegen an. So wurde ich etwa vor kurzem am Telefon von einer Servicemitarbeiterin fast etwas vorwurfsvoll aufgefordert doch etwas „deutlicher“ zu reden, weil sie mich aufgrund von Hintergundgeräuschen auf ihrer Seite nicht verstand.  Als ich sagte, dass dies nicht ginge, meinte sie „dann reden sie doch einfach lauter“. Was sollte man dann tun? Ausführlich erklären, wo sie mich gerade sowieso schlecht versteht? Ich hab dann nur kurz und so laut und deutlich, wie es mir möglich war, gesagt, dass das mit einer Stimmbandlähmung nicht geht, was ihr ein hörbar schlechtes Gewissen bereitet hat, was wiederum gar nicht in meiner Absicht lag. Sie hat dann einfach die Tür zur Geräuschquelle auf ihrer Seite geschlossen. Zum Abschluss wünschte sie mir dann noch gute Besserung, auf den Hinweis, dass diese aller Voraussicht nach nicht eintreten wird, habe ich verzichtet.

Bei Familien- und anderen Feiern, werden meine Beiträge zu forgeschrittener Stunde umso spärlicher je angeregter die allgemeine Unterhaltung wird. Das liegt nicht daran, dass ich nichts zu sagen hätte, sondern daran, dass ich mich schlicht nicht mehr verständlich machen kann, außer ich befinde mich in einer 1:1 Gesprächssituation etwas abseits des großen allgemeinen Gemurmels. Ob das befremdlich wirkt, weiß ich nicht, ich habe noch keinen danach befragt.

So, nun hab ich doch wieder etwas gejammert.

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2 Antworten to “3 Jahre”

  1. Sue 20. Juli 2012 um 09:26 #

    Ich gratuliere Dir zu den drei Jahren und zu der gewonnenen Gelassenheit.
    Die Probleme mit der Umwelt und dem Verständnis für die Situation, kann ich gut nachvollziehen. Mit der Zeit lernt man aber offensichtlich damit auch einigermassen gelassen umzugehen.

    lieben gruss
    sue

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  2. Carpe tempus! 28. Juli 2012 um 11:18 #

    Auch wenn der Post jetzt schon wieder so alt ist, lieber Karl, möchte ich doch meine Glückwünsche Dir noch schreiben. Ich freue mich! Möge es so weitergehen!
    Ich finde gar nicht, dass Du jetzt viel gejammert hast. Die Situation ist so, und sie ist nicht einfach. Du gehst so gut damit um, wie es geht, und die Umgebung muss mitmachen. Und wenn nicht, ist das nicht Dein Problem. Schade nur, wenn hier das Verständnis fehlt.
    Liebe Grüße! Jenneke

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