Archiv | September, 2015

Eigentlich …

25 Sep

hatte ich ja geschrieben, dass Krebs, also mein eigener nicht mehr unbedingt hier Thema sein sollte. Da sich aber in der Leserschaft jemand eingefunden hat, für den Krebs als Wort und Diagnose offenbar eine ähnlich große Katastrophe bedeutet, bzw. bedeuten würde, wie es das für mich früher mal bedeutete, hier nochmal ein kurzer Exkurs, um das vielleicht mal etwas zu relativieren.

Ich habe heute meinen Befund der letzten Nachsorge im August bekommen. Das dauert immer ein paar Wochen, ist aber in Ordnung, denn ich habe das feste Versprechen der betreuenden Nachsorgeärztin, dass ich im Falle eines für mich bedeutsamen, also schlechten Befundes sofort benachrichtigt würde. Anfangs hat mich die Warterei übrigens trotzdem ziemlich verrückt gemacht. Somit dürfte klar sein, dass nichts weiter für mich Ernstes drin steht. Vit. D sollte ich mehr substituieren, ist wieder mal am etwas unterhalb des Normbereiches und sollte eigentlich eher im oberen sein wg. therapiebedingt höherem Osteoporoserisiko. Ansonsten alles, wie es sein soll. Ein paar vergrößerte Lymphknoten, die aber nicht verdächtig aussehen.

Ich war ein wenig überrascht, weil ich die Sache eigentlich schon vergessen hatte, und das ist die eigentliche Aussage dieses Posts: Es hat fast keine Bedeutung mehr für mich. Es wird mich allenfalls ein oder zwei Tage im Jahr beschäftigen, wenn ich zur Nachsorge gehe, und ich erwarte schlicht nichts anderes mehr, als dass dabei alles in Ordnung ist. Diesbezüglich ist das zur Normalität geworden. Das heißt auch: Die einst größte denkbare Katastrophe ist zur Nebensache geworden.

Ich weiß, dass das nicht bei jedem von einer Krebserkrankung Betroffenen so ist, aber es ist mittlerweile sicher bei der Mehrheit nach einer gewissen Zeit so. Es sterben immer noch viele Menschen an Krebs, aber es sterben auch viele Menschen an anderen Erkrankungen. Das möchte ich eigentlich denen sagen, für die das Wort Krebs immer noch der Hauch des Todes umgibt. Das ist ein falsches Bild, was leider auch durch die meisten Medien immer noch so verbreitet wird. Kaum jemand wird auf eine Schlagzeile aufmerksam werden, in der davon die Rede ist, das Promi X etwa an COPD erkrankt sei. Aber wenn es um Krebs geht werden alle hellhörig, und man hört, wie schrecklich das doch sei. Niemand muss begeistert sein, wenn er eine Krebsdiagnose erhält, aber letztlich sterben sehr viele Menschen, die eine erhalten, an etwas anderem.

Man sollte sich also nicht allein durch das K-Wort zu sehr erschrecken lassen.

Christof Stählin: Seine Lieder. Wegbegleiter erinnern sich… / „Der Kirschbaum“

25 Sep

Wunderbar, und wieder mit Amsel.

Ein Achtel Lorbeerblatt

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Christof Stählin – Der Kirschbaum
vom Album: Aus freien Stücken, 2011

Was ich an Christof vor allem bewundere, ist die Sturköpfigkeit, mit der er sein Leben lang seinen Stiefel durchzog – gegen den Widerstand fast aller anderen. Oder zumindest vieler, denn der Zeitgeist war selten auf seiner Seite.

Das Ermutigende daran: er kam damit durch. Auch wenn Sago ihn vielleicht ein bisschen rettete, aber Sago wiederum rettete auch ganz sicher einige andere. Christof hatte das einzigartige Talent, Leute zusammenzubringen, die sich ansonsten vielleicht nichtmal von ferne angeschaut hätten. Wohlwollend. Er richtete mit der ihm eigenen Unbeirrbarkeit die Aufmerksamkeit vor allem auf inhaltliche Substanz, egal in welchem Genre, und rückte so das Wesentliche in die richtige Perspektive. Das ist es.

Mich zog vor allem seine fast heitere Religiosität an, untypisch sowohl für Liedermacherszenen wie auch sonstige Religiöse. Ich wollte wissen, was dahintersteckt: ne Menge.

„Der Kirschbaum“ hat für mich etwas Dunkles…

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Christof Stählin: Seine Lieder. Wegbegleiter erinnern sich… / „In hundert Jahren“

23 Sep

Da nun Hoffnug besteht, dass die Beiträge dieser Website noch eine Weile erhalten bleiben, reblogge ich auch diesen Stählinbeitrag.
Wenn ich eine Amsel sehe, werde ich an ihn denken.

Ein Achtel Lorbeerblatt

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Christof Stählin – In hundert Jahren
vom Album: Aus freien Stücken, 2011

 

Ein Denkmal für Christof Stählin, wie müsste das aussehen?

Im Juli 1995 war Sago das erste Mal auf der Burg Waldeck; lange hatte Christof gezögert, an die „heilige Stätte“ der Liedermacherei zurückzukehren, vielleicht, weil er nicht wollte, dass die Erinnerungen übermächtig werden.
Als ich zum Bahnhof musste, fuhr er mich hinunter nach Burgen. Etwa auf halber Strecke flog ein Vogel gegen die Windschutzscheibe, prallte ab und war schon wieder verschwunden. Christof machte nur eine kurze Bemerkung und fuhr dann wie üblich weiter, indem sein Fuß auf dem Gaspedal einen seltsamen Rhythmus klopfte.

16 Jahre später, 2011, nach einem gemeinsamen Konzert auf der Waldeck, fahren wir den gleichen Weg, sind beide in Gedanken, sinnen noch dem schönen Konzertabend hinterher. Da tritt er auf halber Strecke kurz auf die Bremse und sagt: „Hier sind wir einmal einem unglücklichen Vogel…

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Christof Stählin: Seine Lieder. Wegbegleiter erinnern sich… / „Alter Musketier“

23 Sep

„Kunst zielt nicht“, zitierte er oft, „wenn du ins Schwarze getroffen hast, wirst du‘s schon merken“
Er trifft mich – immer und direkt ins Herz. Schade, dass ich ihn so spät wieder entdeckt habe. Ich hoffe er merkt es auch jetzt noch, dass er getroffen hat.

Ein Achtel Lorbeerblatt

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Christof Stählin – Alter Musketier
vom Album: Aus freien Stücken, 2011

„Ich, ich hab auf Herz gesetzt – und alles auf eine Karte.“ Ich habe dieses Lied ausgewählt, weil es unter anderem etwas berührt, das als Grundierung in allen poetologischen Bildern Christofs steckt; in seinen Liedern, seinen Lebensentscheidungen und seiner ganzen Art zu denken. Hier geht es zum einen um die grundsätzliche Haltung des Künstlers zur Welt – einer Welt, die auf vielfältige Weise dem Künstler ständig begreiflich machen möchte, dass das aber so nicht geht, wie man sich das vorstellt. Es geht um Freiheit. Es geht um das Ethos des Künstlers, um die Selbstverpflichtung, die aus seinem schöpferischen Impuls erwächst. Sei ehrlich mit dir selbst: Du weißt, was zu tun ist – also tu es. Das ist für mich der stählin’sche Imperativ, eingeätzt in die brave Schwarte. Es gibt  keine Ausreden. Anlagevermögen? Altersvorsorge? Kommerzielle Kompatibilität? Nein, ich will frei…

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Christof Stählin: Seine Lieder. Wegbegleiter erinnern sich… / „Schlaflied“

21 Sep

Mag sein, dass mein Rebloggen der ganzen Serie über und mit Stählin ein wenig sehr enthusiastisch wirkt. Aber die vorgestellten Titel sind einfach unglaublich schön und außer auf den Tonträgern kann man sie kaum mal irgendwo hören. Und dieses hier ist eines der schönsten.

Auch die Texte seiner Weggefährten zeugen von großer Wertschätzung für seine viel zu sehr verborgene Arbeit als Künstler und Lehrer.

Ein Achtel Lorbeerblatt

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Christof Stählin – Schlaflied
vom Album: Stiller Mann, 2005

„Alles braucht seine Weile,
wenn’s gut ist, was unsereins macht.
Nur eins geht von heute auf morgen:
Die Nacht.“

Das Schlaflied ist so perfekt in sich und so zeitlos wie vieles, was Christof geschrieben und gesagt hat.

Ich habe ihm viel zu verdanken. Immer wieder hat er mich tief beeindruckt mit seinen Liedern, Gedichten und seinen Vorträgen, in denen sein umfangreiches philosophisches, etymologisches, mythologisches und kulturgeschichtliches Wissen einen großen Raum öffnete, der zugleich durch seinen liebevollen Blick auf die Welt nahbar, hell und freundlich wurde. Er ließ den Dingen ihre „Majestät des Phänomens“. Die Wärme und Güte, die aus seinen Liedern und Texten strahlt, ist mir ein Vorbild.

Mit der Künstlerschule Sago hat er etwas erschaffen, das frei vom „kalten Wind der Konkurrenz“ ist, wie er oft sagte. Einen Raum, der allein der Verbesserung der Kunst dienen sollte, ohne jede hässliche Zweckdienlichkeit…

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Christof Stählin: Seine Lieder. Wegbegleiter erinnern sich… / „Ich habe vor“

20 Sep

Die erste Amsel hören wird er im kommendenn Februar leider ncht mehr. Diesen Beitrag hatte ich noch übersehen,ud ich wollte sie ja alle rebloggen.

Ein Achtel Lorbeerblatt

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Christof Stählin – Ich habe vor
vom Album: Stiller Mann, 2005

Gegen Ende eines Interviews wurde Christof Stählin einst von einer Journalistin gefragt, ob er sich nun, in seinem Alter, allmählich zur Ruhe zu setzen gedenke oder ob er noch etwas vor habe. Die Frage verletzte Christof, wie er uns 2009 in Wasungen ganz offen erzählte, (und wie man sich denken kann). Und zwar so sehr, dass er mit einem Lied darauf reagiert hat: „Ich habe vor“. Darin erklärt Christof Stählin, was er denn noch alles so vor hat im Leben. Atem zu schöpfen etwa. Ja, er habe, so erklärt er ganz gelassen, vor, Luft zu holen und, ehe er sie wieder aushauche, sogar für einen ganz kleinen Moment drinnen zu behalten. „Ist ja nicht gestohlen“. Weitere Vorhaben offenbart uns der Philosoph und Humorist, so etwa einen Vorgang, der seine Beine betrifft und der sich beim Hören des Liedes ganz…

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Christof Stählin: Seine Lieder. Wegbegleiter erinnern sich… / „Die Zypressen“

20 Sep

Noch ein interessanter Text über Stählin. Und ein schönes Lied, das ich mir grad mehrfach wiederholt Strophe für Strophe an- und jedesmal neu höre.

Ein Achtel Lorbeerblatt

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Christof Stählin – Die Zypressen
vom Album: Auf einem anderen Blatt, 1997

Christof hatte die Fähigkeit, sich vorübergehend in übersehene Details dieser Welt zu verlieben und den ganzen Rest zu vergessen. Er zitierte gerne Gontscharows Oblomow, der sich ziel- und gedankenlos auf seinen Diwan legte, „um sich der Sache ganz zu widmen“.

Für die Regie zu „Schluchten des Alltags“ fragte mich Christof, ob ich ihm helfen würde, ein Bühnenprogramm ohne Pointen zu bauen. Das fand ich eine gute Idee. Ich strich ihm sämtliche Pointen raus. Kurz vor der Premiere knallte er einen Ordner auf den Tisch und sagte: „Du, ich hab’s mir überlegt. Es müssen doch noch Pointen rein.“ Der Ordner war beschriftet mit „Pointen“. Zum Glück konnte ich ihn davon abbringen. Ich kannte seine Nervosität vor Premieren. Er hatte mir einen klaren Auftrag erteilt, und diesen würde ich, wenn es sein musste, auch gegen seinen Widerstand durchsetzen. Je näher…

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Christof Stählin: Seine Lieder. Wegbegleiter erinnern sich… / „Amors Becher“

20 Sep

Hiermit wäre ich wieder up to date mit der Reihe. Ich hoffe es war noch nicht der letzte Teil, der dazu erschien. Ich fand das sehr spannend bisher und habe ein paar Stücke gehört, die ich noch nicht kannte. Sthlin war ja nicht so öffentlich sichtbar wie manch anderer Künstler inklusive einige seiner „Schüler“.
Es gibt auf EAL auch ein längeres Interview mit Stählin aus 2013.
https://einachtellorbeerblatt.wordpress.com/2013/02/18/christof-stahlin-alles-sago-oder-was/

Ein Achtel Lorbeerblatt

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Christof Stählin – Amors Becher
vom Album: Stiller Mann, 2005

In unseren Wunschrunden der Sagoseminare bat ich Christof oft um Amors Becher. Nicht nur weil dieses Lied die ganze Meisterschaft seiner Bild- und Reimkunst in geradezu verschwenderischer Weise vorführt (ja, wie so oft bei ihm scheinen manche Wörter ihre volle Bedeutung überhaupt erst durch die um sie versammelten Reimpartner ganz zu erkennen zu geben), sondern auch weil durch die Leidenschaftlichkeit der Verse, die eingängige orientalische Melodie und den feurigen Vortrag ein poetischer Sog entsteht, wie ich ihn selten sonst erlebt habe. Dem klassisch Maßvollen der Stählinschen Schule steht hier romantischer Überschwang gepaart mit mystischer Verinnerlichung entgegen. Ein Lied wie ein Fiebertraum – und wie der Titel schon sagt, ein Liebeslied. Einmal im Leben so ein Teil raushauen, dachte ich mir oft, und man bleibt dieser Welt nichts schuldig.
Als wir einen Tribute-Sampler zu Christofs siebzigstem Geburtstag produzierten, wagte sich…

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Christof Stählin: Seine Lieder. Wegbegleiter erinnern sich… / „Der Biedermeiersekretär“

19 Sep

Ich reblogge einfach mal alle Beiträge der Reihe, weil ich das Gefühl habe, dass sie wichtig sind 😉

Ein Achtel Lorbeerblatt

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Christof Stählin – Der Biedermeiersekretär
vo
m Album: Sire, es ist Zeit (1989)

Ein stiller Urknall

April 1989. Vor der Heimvolkshochschule Rendsburg warten ein paar Leute auf Christof Stählin. Einige von ihnen haben ein halbes Jahr zuvor im Wettbewerb „Schüler machen Lieder“ in Berlin einen großen Auftritt gewonnen und – es war Geld übrig – ein Seminar in Rendsburg bei diesem Wiehießernochgleich. Peter, mit dem ich zusammen nach Rendsburg gefahren war („So weit nördlich war ich noch nie!“, sagte er, der Bayer) hatte von seinen Eltern eine Platte geschenkt bekommen: „Irgendwie komisch. Schon auch irgendwie gut. Ich glaube, der könnte ein ganzes Lied nur über einen Blumenstrauß schreiben.“ Wirkungsvoller konnte man aus meiner Sicht einen Liedermacher nicht entwerten, denn wir (18-25) schrieben ja Texte über richtige, wichtige Themen und dachten gar nicht daran, über Blumensträuße zu schreiben. Ein Saab hielt, ein großer Mann mit großen Händen stieg aus, wurde vom…

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Christof Stählin: Seine Lieder. Wegbegleiter erinnern sich… / „Die Netze“

19 Sep

Hier würde ich empfehlen zuerst ein oder zweimal sehr genau zuzuhören und dann erst den Text zu lesen.

Ein Achtel Lorbeerblatt

staehlin_stillermann

Christof Stählin – Die Netze
vom Album: Stiller Mann, 2005

Der Liedkünstler Stählin hat seit 2003 hin und wieder auch als Slampoet gewirkt, zum Erstaunen und zur Freude des Slampublikums. Was er der noch suchenden Spoken-Word-Bewegung mitgeben konnte, war handwerkliches Qualitätsbewusstsein und Hingabe an den poetischen Gegenstand.

Er hat den Text „Die Netze“ zunächst als Slamtext aufgeführt und erst in einem zweiten Schritt mit einer Basslinie seiner Vihuela unterlegt, zu einem Lied gemacht. Der Sprechtext „Die Netze“ führt die Hörer mitten hinein in das Kernanliegen Christof Stählins: das Nichts durch Kunst zu überwinden und der Welt mit künstlerischen Mitteln liebend beizukommen:

1 Der Poet schafft etwas aus dem Nichts. Wo vorher nichts war, keine Idee, kein Ton, kein Gedanke, kein Wort, kein Laut, da stellt er etwas hin.

2 „Knoten, Fäden und Nichts“, könnte man übersetzen mit „Bildpunkte, Verknüpfungen und Aussparungen“.

3 Christof Stählin selbst hat das Netze-Knüpfen meisterhaft verstanden:…

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