Es geht um die Wurst – wer hat Angst vorm bösen Krebs?

29 Okt

In allen Medien wird ja seit zwei Tagen oder so die angebliche Warnung der WHO wegen der Kanzerogenität von Wurstwaren, genauer eigentlich „verarbeitetes Fleisch“ gehyped. Dabei stehen immer zwei Dinge im Fokus.

1. Man hat das verarbeitete Fleisch in die gleiche Kategorie gesteckt, wie z.B. Rauchen und einige hochkanzerogene Substanzen wie Arsen im Trinkwasser etc.

2. Der zusätzliche Genuss von 50g verarbeitetem Fleisch erhöht angeblich das Risiko an Krebs zu erkranken um 18%.

Zwar sind in der Regel ein paar erklärende Worte irgendwo im Text versteckt, mit deren Hilfe sich die aus diesen Informationen leicht herauslesbaren Missverständnisse eigentlich vermeiden ließen, allerdings sind sie oft nicht im direkten Kontext zu lesen, sodass die Missverständnisse zunächst mal entstehen und meist nicht mehr aufgehoben werden.

Zum ersten Punkt: Dass Fleisch in die gleiche Kategorie wie einige hochkanzerogene Substanzen eingeordnet wurde hat überhaupt nichts mit der Größe des Risikos zu tun sondern damit, dass man die Evidenz für die Schädlichkeit für etwa genauso sicher hält wie bei den anderen Noxen. D.h. die Statistiken sind ziemlich aussagekräftig. Bei rotem Fleisch ist man eine Kategorie tiefer gegangen, d.h. man hält es nicht für sicher sondern nur für wahrscheinlich risikoerhöhend. Auch mit dem Begriff „kanzerogen“ haben viele ihre Schwierigkeit. Wörtlich übersetzt heißt das eigentlich krebserzeugend. Das heißt aber in der Praxis eben nicht, dass ein Kontakt mit einem Kanzerogen in jedem Fall eine Krebserkrankung nach sich zieht, sondern dass lediglich das Risiko dafür mehr oder weniger erhöht ist.

Zum zweiten Punkt: Eine Erhöhung des Risikos an Krebs zu erkranken um 18% heißt nicht, dass das Erkrankungsrisiko dann etwa statt bei 6% (wie es bei uns für das Lebenszeitrisiko für Darmkrebs der Fall ist) bei 24% liegt sondern eben um 18% von 6% höher ausfällt und damit dann bei etwa 7% liegt. Das absolute Lebenszeitrisiko ist damit also um lediglich 1% gestiegen. Im übrigen ist zwar immer von der Erhöhung des „Krebsrisikos“ die Rede, aber nachgewiesen ist das in diesem Fall nur für Darmkrebs, was auch meist nur am Rande erwähnt wird.

Übrigens war das alles im Wesentlichen auch schon seit Jahren bekannt und auch so veröffentlicht (neben etlichen anderen lebensstilbezogenen Risikofaktoren auch für andere Krebsformen, soweit sich diese statistisch festmachen lassen) wie man etwas ausführlicher auf Deutsch z.B. hier nachlesen kann.

Soweit also zur Relativierung und Richtigstellung. Eigentlich ging es mir mit diesem Blogbeitrag aber um etwas anderes, nämlich die teilweise absurden, teilweise erwartbaren und teilweise amüsanten Reaktionen auf die Meldung.

Da gab es diejenigen die das im oben genannten Sinne fehlinterpretiert haben und dann darauf mit „alles Quatsch, kann gar nicht sein, Studien sind sowieso alle gefälscht, Pharmamafia ect.“ reagiert haben.

Dann kamen von Vegetarier- und Verganerseite ziemlich prompt die „Ich habs ja schon immer gesagt“ Kommentare, „Fleisch ist Gift, Fleischlose leben länger“, obwohl in keiner Meldung irgendwo davon die Rede war, die WHO würde den völligen Fleischverzicht fordern oder auch nur empfehlen.

Die Hardcorecarnivoren hielten das alles sowieso für eine Verschwörung der Pflanzenfresser und reagierten überwiegend trotzig.

Und es gab mehr oder weniger humorige Veralberungen zum großen Teil ebenfalls mit dem Tenor, dass das so irgendwie ja doch alles nicht so ganz sein könnte.

Gerade aus letzteren aber auch aus anderen spricht aus meiner Sicht ein wenig die Furcht, dass eventuell eben doch was dran sein könnte. Krebs mag man eher nicht so gern bekommen und eine Krebserkrankung ist für viele immer noch der Inbegriff des Horrors, die größte anzunehmende Katastrophe. Das wurde mir gerade erst wieder bewusst, als bei einem Bekannten ein zwar nicht wirklich sehr wahrscheinlicher aber eben doch ein Krebsverdacht im Raume stand, der sich dann glücklicherweise nicht bestätigte aber doch als durchaus ernstzunehmende und auch unangenehme Erkrankung herausstellte. Es schien als wäre alles andere besser als Krebs, nur das bitte nicht. Dabei ist heute Krebs mehr und mehr eine chronische Krankheit geworden und eine Krebsdiagnose bedeutet keineswegs mehr grundsätzlich ein Todesurteil oder zwangsläufig Siechtum. Natürlich sterben immer noch ziemlich viele Menschen an Krebserkrankungen und einige Formen sind auch noch immer sehr aggressiv und schlecht behandelbar, aber das gilt auch für viele andere Erkrankungen, an denen keineswegs viel weniger Menschen sterben, wie z.B. COPD oder auch schwerere Fälle von chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, um nur zwei Beispiele zu nennen, von Herz-Kreislauferkrankungen ganz zu schweigen.

Ich habe das Gefühl, dass diese unterschwellige Furcht die ein oder andere sarkastische oder Trotzreaktion erklärt, weil es eben jetzt um etwas geht, von dem man ja doch auch selbst betroffen ist, weil man gern und vielleicht auch viel Wurst und Gepökeltes gegessen hat und damit eine mögliche Krebsursache (eigentlich besser ein Risikofaktor von vielen) ins eigene Bewusstsein drängt. Vielleicht erklärt es auch die Reaktionen von vegetarischer und Veganerseite, denn die können sich ja nun vermeintlich wieder mal sicher fühlen, obwohl das so natürlich auch wieder nicht stimmt, weil der Verzicht eben auch nicht sicher schützt sondern evtl. das Risiko um einen kleinen Betrag vermindert und es noch viele andere Risikofaktoren gibt. Aber man fühlt sich eben gern bestätigt.

Interessant finde ich auch, dass vielfach die gleichen Leute, die trotzig kommentieren, dass ja sowieso angeblich alles krebserzeugend ist und man am besten gar nichts drauf gibt, oder die behaupten solchen Studien könne man sowieso nichts glauben, da angeblich alle Wissenschaftler eh fremdgesteuert sind, sich auf der anderen Seite nur zu gern von dubiosen „Heilern“, die nun wirklich wenig anderes als Geld verdienen im Kopf haben, versprechen lassen, dass man nur genug Himbeeren essen oder bittere Aprikosenkerne bis an die Grenze der Cyyanidvergiftung („Vitamin“ B17) verzehren müsse, um garantiert nicht an Krebs zu erkranken. Und ich glaube wiederum, dass das daran liegt, dass gerade im vorliegenden Fall mal ein Risikofaktor veröffentlicht wurde, der einen selbst möglicherweise betrifft, was eben eine unangenehme Vorstellung ist, die man lieber verdrängt, und wenn es dadurch geschieht, dass man allgemeine Vorbehalte vorschiebt. Sich stattdessen damit auseinanderzusetzen, sich klarzumachen, dass das Risiko, dass einen evtl. betrifft nun wirklich nicht so dramatisch ist, das in eine vernünftige Beziehung zu allen möglichen Alltagsrisiken und anderen Krebsrisiken zu setzen, sich dann zu überlegen, ob es für einen selbst Sinn machen könnte dieses Risiko durch Einschränkung des eigenen Konsums zu verringern oder zu entscheiden, dass einem das die Anstrengung nicht wert ist, scheint für die meisten zu anstrengend zu sein, weil das erforderte, die Verdrängung aufzugeben. Dabei ist für mich jede Entscheidung, egal in welche Richtung, völlig in Ordnung, da muss jeder seinen eigenen Weg finden. Selbst Verdrängung ist einer, nur würde ich der Verdrängung immer eine informierte Entscheidung vorziehen.

Niemand wird dadurch schuldig, dass er sich gegen eine Einschränkung entscheidet. Da liegt aber eben auch vielfach der Hase im Pfeffer: Bewusst oder unbewusst wird Schuld und schlechtes Gewissen produziert, indem zum Beispiel öffentlich auch in den Medien darauf hingewiesen wird, dass ein großer Teil der Krebserkrankungen durch einen vernünftigen Lebensstil vermeidbar wäre. Das ist wohl tatsächlich so, wiewohl man sich über das Ausmaß durchaus noch streitet. Nur werden eben je nachdem, wie dies kommuniziert wird, auch Schuldgefühle und schlechtes Gewissen erzeugt, was in den seltensten Fällen dazu führt, dass Risiken vermieden werden sondern eher Trotzreaktionen wie „jetzt erst recht“ auslöst.

Und noch etwas hat das zur Folge. Bereits Betroffene werden allzuleicht als selbst „schuld“ an ihrer Erkrankung bezeichnet, obwohl doch eigentlich insbesondere bei Krebs, aber in aller Regel auch bei den meisten anderen (chronischen) Erkrankungen bis auf Extremfälle keine völlig eindeutige und alleinige Ursache für die konkrete Erkrankung einer konkreten Person genannt werden kann. Darüber hatte ich mich bereits ganz am Anfang meiner Bloggerei, quasi noch als relativ frisch Betroffener ausgelassen, als es mir um Die Schuldfrage ging. Auch über Falsch gegessen hatte ich mir schon vor längerem Gedanken gemacht.

Meine Empfehlung: Informiert Euch unvoreingenommen, was solche Nachrichten wirklich bedeuten, und blockt nicht gleich ab oder macht Euch lustig. Prüft, ob sie für Euch relevant sein könnten und trefft eine informierte Entscheidung wofür oder wogegen auch immer. Vermeidet die „ich habs ja schon immer gewusst“ Attitude genauso wie Schuldzuweisungen auch implizite, und lasst Euch keine Angst einjagen. Und auch wenn Wissenschaftler nicht immer völlig unabhängig sind, auch wenn sie nicht immer völlig richtig liegen und auch wenn sie manchmal Dinge teilweise revidieren müssen. Sie liegen fast immer deutlich näher an der Wahrheit als Bücherschreiber und Mittelchenverkäufer, die irgendwelche Wunderdinge versprechen.

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