Die Tinni Tussi

17 Jan

Hin und wieder mal ein Ohrgeräusch werden die meisten kennen, „es klingelt im Ohr, jemand denkt an mich“. Das hatte ich auch bisweilen, und ich habe das weiter nicht beachtet.

Vor längerem hatte ich mal eine Festplatte in einem meiner Rechner, die, wohl aufgrund eines Lagerschadens den Geist aufgab, wobei ich einen – gottseidank kleinen – und nicht allzu wichtigen Teil meiner Kundendaten verlor. Damals waren Backups noch nicht so einfach wie heute mit großen mobilen Festplatten, DVD Brenner gab es erade erst und die waren sehr teuer, Backups auf CDs waren langsam und brauchten einen ordentlichen Stapel Medien. Natürlich habe ich die Prozedur danach dann häufiger gemacht. Jedenfalls machte die Platte kurz vor ihrem endgültigen Tod ein ziemlich unangenehmes hochfrequentes kreischendes Geräusch, das mit gut in Erinnerung ist.

Im Früsommer letzten Jahres hatte ich genau dieses Geräusch wieder im Ohr, genauer in beiden Ohren. Trotz nun sehr regelmäßiger Backups wäre mir ein Plattentod zu dem Zeitpunkt mehr als ungelegen gekommen. Allerdings waren den ausgelesenen SMART-Werten zufolge keine Probleme bei der Platte erkennbar. Da noch ein zweiter Rechner in meinem Büro lief, näherte ich mich diesem, und das Geräusch veränderte sich in keiner Weise als ich mich durch den Raum bewegte. Ich verließ das Büro, und auch dann änderte sich nichts, auch nicht im Freien. Damit war klar, dass das Geräusch in meinem Kopf, in den Ohren aber in jedem Fall in mir entstand. Ich hatte im nachhinein das Gefühl, das – bedeutend leiser – schon früher hin und wieder wahrgenommen zu haben. Zunächst verschwand das Geräusch auch wieder nach Stunden und tauchte sporadisch immer mal wieder lauter oder leiser erneut auf. Ein Besuch beim HNO-Arzt bestätigte dann den Verdacht, dass es sich wohl um Tinnitus handeln würde. Er bot mir eine Noteinweisung zur stationären Infusionsbehandlung an, die ohne „Notfall“ normalerweise nicht von den Krankenkassen bezahlt wird. Eine kurze Recherche ergab dann auch den Grund dafür: Die Wirksamkeit im Bezug auf Tinnitus ist mehr als fraglich, und die Therapie wird außer in Deutschland kaum mehr angewandt. Ich habe dann auch darauf verzichtet, zumal das Ohrgeräusch zum damaligen Zeitpunkt schon etliche Wochen alt war und deshalb eine Wirksamkiet der Behandlung erst recht fraglich war, und da es mir eher ein Ansatz ähnlich der Homöopahtie erschien, hauptsächlich Placebowirkung, die umso größer ist, je mehr man dran glaubt. Dafür waren mir dann eine knappe Woche Arbeits- und Einkommensausfall doch zu schade, weil ich mir das damals und auch jetzt nur in absoluten Notfällen leisten würde.

Alles, was ich weiter über Tinnitus herausfand, war, dass erfolgreiche Ansätze im wesentlichen darauf beruhen, das Geräusch entweder ignorieren zu lernen oder, und das sind die eher experimentellen Ansätze, durch gefilterte eingespielte Geräusche oder Musik, das Gehör „umzutrainieren“, weil offenbar, an welcher Stelle weiß man nicht so genau, das Geräusch irgendwo im Kopf auf dem Signalweg von der Schnecke ins Bewusstsein entsteht. Eine mögliche von vielen diskutierten Ursachen könnte ein Hörschaden/Hörverlust bei bestimmten Frequenzen sein, die dann im ankommenden Spektrum fehlen und durch ein Ohrgeräusch in diesem Bereich „aufgefüllt“ werden. Das wäre plausibel, da ich im Laufe der Jahre eine „Delle“ im Hörfrequenzgang erworben habe, die allerdings zumindest zum Teil durch Hörhilfen ausgeglichen wird. Die Technik dieser Hörhilfen ist nicht die allerausgefeilteste, denn als ich die erwarb, waren die Kassenzuzahlungen zu den Kosten noch deutlich bescheidener als heute und mit erträglichem Beitrag meinerseits waren nur Geräte der untersten Mittelklasse drin, deren Standard heute bei deutlich niedrigerem Preis eher am untersten Ende der Komfortskala anzusiedeln wäre. In 1,5 Jahren ist allerdings eine neue Verordnung möglich, mit Geräten, die allein zum Preis der Kassenerstattung schon erheblich über dem dem Standard meiner jetzigen liegen werden.

Bezüglich des Tinnitus habe ich mich vorerst für ignorieren entschieden, was mir im Großen und Ganzen auch ganz gut gelingt, wenn ich beschäftigt bin, z.B. bei konzentrierten Arbeiten, bei denen mich auch ein in Ruhe als ziemlich laut empfundenens Ohrgeräusch nicht sonderlich stört. In Ruhe kann es schon mal etwas lästig werden, abhängig von der Tagesform. Gestern empfand ich das zeitweise schon als ziemlich  laut, heute fällt es auch beim Hinhören kaum auf.

Ich habe also eine neue Begleiterin in meinem Leben, die Tinni Tussi. Sie ist machmal ein wenig lästig, aber da ich sie inzwischen ganz gut kenne, gelingt es mir meistens sie nicht zu beachten, wenn ich sie grad mit ihrer Aufdringlichkeit nicht brauchen kann, sie ist auch eher etwas eintönig.

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Eine Antwort to “Die Tinni Tussi”

  1. finbarsgift 18. Januar 2016 um 22:33 #

    Seit meinem sechsten Lebensjahr – nach einer verschleppten Mittelohrentzündung – habe ich links Tinnitus…

    Ein Leben ohne Ohrgeräusche ist mir fremd!

    Gefällt mir

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