Auf einem fremden unbewohnbaren Planeten, der später Heimat meiner Kindheit und Jugend war

22 Okt

Lebte, nein überlebte ein 15 jähriges jüdisches Mädchen zusammen mit seiner Schwester die letzte Zeit des zweiten Weltkrieges.

Am 10. Oktober sprach ich ein Buch an. Ich habe es gelesen, nicht wie im Beitrag vermutet an einem Stück, es wurden zwei Leseabende daraus. Zwischendurch musste ich mal schlafen, um den ersten Teil setzen zu lassen, und weil es das Buch verdient hat beim Lesen hellwach zu sein. Es wird kaum das letzte Mal gewesen sein, dass ich dieses Buch gelesen habe. Das nicht, weil es ein literarisches Meisterwerk ist, das ist es nicht, bei allem Respekt vor der Leistung des Autors bei dieser schwierigen Aufgabe, sondern wegen seines Inhalts und meiner besonderen Beziehung dazu. Allerdings wüsste ich auch nicht, wie man diese Aufgabe anders und besser hätte lösen können, als der Autor es getan hat. Der Stoff musste aus dieser Perspektive geschrieben werden – aus der Perspektive der zur Zeit der Erzählung 15 jährigen Blanka Pudler, die Auschwitz, das KZ und die Sprengstofffabrik in Hessisch Lichtenau und einen Todesmarsch zusammen mit ihrer älteren Schwester überlebte.

Niedergeschrieben wurde sie von Dieter Vaupel,  einem 1950 geborenen, Lehrer und Politologen, der sehr viele Gespräche mit Blanka Pudler geführt hat und viele ihrer Auftritte als Zeitzeugin an Schulen und zu anderen Gelegenheiten begleitet hat. Die ersten Kapitel wurden noch von Blanka Pudler selbst gelesen und für gut befunden, die weiteren Kapitel wurden erst nach ihrem Tod fertig gestellt. Als authentisch und so erlebt darf alles, was im Buch geschrieben wurde, gelten. Die Ich-Perspektive ist wirklich notwendig. Man kann diesen Inhalt einfach nicht als nüchterne Dokumentation verfassen. Das wäre auch nicht das, was ich hätte lesen wollen. Davon ist genug verfügbar. Ich wollte, soweit das überhaupt möglich ist, beispielhaft „nacherleben“, was dort in der Stadt, in der ich meine Kindheit und Jugend ganz in der Nähe, praktisch in Steinwurfweite des ehemaligen Lagers verbracht habe, mit den Menschen passierte.

Wie erwartet und im o.g. Beitrag angedeutet, konnte ich mich diesem Buch hingeben und eintauchen, nicht ganz, wie ich es früher vielleicht gekonnt hätte, aber so tief, dass ich doch ein Stück weit mitfühlen und mir der Ungeheuerlichkeit bewusst werden konnte, dessen was dort mit Menschen und durch Menschen passiert ist. Begreifen wäre sicher zu hoch gegriffen, ich glaube auch nicht, dass zu begreifen vollumfänglich möglich wäre, weil es eigentlich nicht begreifbar ist.

Das Buch ist mir wichtig, weil ich wie gesagt Kind der Stadt bin, in der sich ein großer Teil der Handlung abspielt. Vielleicht knapp 200m von meinem Elternhaus entfernt auf der gegenüberliegenden Straßenseite befanden sich das „Vereinshaus“, Verwaltungsgebäude des KZ-Außenalagers und die zugehörigen Baracken, in denen Blanka Pudler und ihre Schwester zusammen mit bis zu 1000 anderen Jüdinnen untergebracht waren, von wo aus sie täglich bis zu mehr als einer Stunde zur Arbeit in der Sprengstoff- und Munitionsfabrik laufen mussten und je nach von den Aufseher*innen gewählten Weg auch an meinem Elternhaus vorbeikamen. Bei meiner Geburt standen auch noch die zu der Zeit als Schulgebäude genutzten Baracken, nebenan dann das Schulgebäude, das ich zu meiner Grundschulzeit besuchte. Auch die anderen Außenlager, in denen andere Zwangsarbeiter und arbeitsverpflichtete Deutsche und anderes Personal untergebracht waren, kenne ich aus eigener Anschauung. Das Lager Herzog, den Waldhof, das Lager Lenoirstift, Lager Teichhof, Friedrichsbrück, Föhren. Nur ansatzweise und von einigen überhaupt nicht war mir in Kindheit und Jugend klar, welchem Zweck sie einst gedient hatten.  Auch „Das Werk“, wie das Fabrikgelände Gelände am Ort gemeinhin genannt wurde, kannte ich. Den einstigen Zweck der Anlagen kannte ich einigermaßen, auch wusste ich, dass die dort Beschäftigten größtenteils nicht freiwillig dort gearbeitet hatten, auch, dass es dort Unfälle, Explosionen mit vielen Toten gegeben hatte. Mein Großvater war nebenberuflich Sanitäter und an der Bergung der Opfer und Verletzten beteiligt gewesen, von ihm hatte ich als Kind noch am meisten erfahren, leider verstarb er, als ich 8 Jahre alt war. Ich habe sogar dort gearbeitet. Die nicht oder wenig zerstörten Teile der Gebäude waren nach dem Krieg in ein Gewerbegebiet umgewandelt worden. In einem Betrieb hatte mein Vater und ich mit ihm Schreinerarbeiten zu erledigen, in zwei anderen Betrieben habe ich als Schüler meine ersten Ferienjobs geleistet. In der orthopädischen Klinik, die auf dem Gelände des Lagers Teichhof und mit Teilen der Gebäude entstand, habe ich ebenfalls als pflegerische Hilfskraft gearbeitet und hätte, wäre mir das nicht durch Gewissensprüfungskommissionen verweigert worden, dort auch Zivildienst abgeleistet.

Ansonsten war all das, was in Hessisch Lichtenau stattgefunden hatte, kaum Thema meiner Jugend. Auch in der Schule nicht, und das stößt mir im Nachhinein ganz besonders auf. Wo wenn nicht in den Schulen hätte die Aufarbeitung begonnen werden können? Erst in den 80ern, als ich längst im Rheinland zum Studium weilte, begann die Aufarbeitung und Aufklärung. In meiner Kindheit und Jugend wurde die Zeit des dritten Reiches mehr oder weniger verdrängt. Die Sprüche von „das konnte ja keiner wissen“ kamen Gottseidank selten, das wäre auch völlig unglaubwürdig gewesen, die Jüdinnen waren ja täglich zweimal durch den Ort marschiert. „Irgendwann muss doch auch mal Schluss sein“ habe ich hingegen öfter gehört, nicht unbedingt in meiner eigenen Familie, woanders aber schon. Erst in dern letzten Lebensjahren meiner Mutter, als sie schon in ihren 80ern war, haben wir uns auch über diese Zeit unterhalten. Warum es vorher nicht dazu gekommen ist, kann ich nicht sagen. Vielleicht habe ich auch selbst nicht genug Fragen gestellt, mir und anderen. Anregen hätte solche Fragen die Schule können, was sie nicht getan hat, und was ich als großes Versäumnis insbesondere auch meiner damals jungen und sich progressiv gebenden Lehrer des Gymnasiums sehe. Von der alten Lehrergeneration, die teilweise noch Kriegsgeneration waren, hätte ich es kaum erwartet. Von einigen habe ich im Nachhinein den Eindruck, dass sie selbst nicht ganz unbelastet waren.

Das also ist in groben Zügen mein Bezug zum Buch. Ich kann seine Lektüre, auch wenn sie an manchen Stellen vielleicht etwas sperrig sein mag, nur wärmstens empfehlen. Sie sollte eigentlich gerade jetzt, wo sich Geschichte zu wiederholen droht, eigentlich Pflicht in den Schulen werden, wie, zumindest das hat meine Schule geleistet, Bernhard Wickis Film „Die Brücke“ Pflichtprogramm für jeden Schüler in meiner Jugend war.

Zehn gut angelegte Euro:
Blanka Pudler, Dieter Vaupel, „Auf einem fremden unbewohnbaren Planeten – wie ein 15-jähriges Mädchen Auschwitz und Zwangsarbeit überlebte“, Dietz Verlag, 136 Seiten, 10 Euro. ISBN: 978-3-8012-0530-0

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