Archiv | September, 2019

Prävention

11 Sep

Im Moment läuft gerade eine große Kampagne zur Primärprävention von Krebserkrankungen an, im wesentlichen vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg und der Deutschen Krebshilfe betrieben. Hintergrund ist, dass theoretisch(!) etwa 40% aller Krebsneuerkrankungen vermieden werden könnten, wenn alle(!) Menschen sich in ihrem Lebensstil entsprechend optimal(!) verhalten würden. Damit ist aber auch schon gesagt, dass diese Zahl eine wirklich theoretische ist, die in der Praxis weit davon entfernt ist, erreichbar zu sein. Dies wird bei der Kampagne allerdings nicht erläutert, denn 40% klingt natürlich besser als die 10-20%, die sich vermutlich bei einiger Anstrengung tatsächlich maximal erreichen ließen.

Die 40% würden nämlich bedeuten, dass niemand mehr raucht, alle weitgehend auf Alkohol verzichten, alle ihr Idealgewicht erreichen und halten, alle sich maximal gesund ernähren, alle mindestens 5 mal 20min in der Woche Sport treiben, alle genügend schlafen und einiges mehr, und zwar eben alle und alles gleichzeitig. Da im wesentlichen ohne weitere Erläuterung von diesen 40% vermeidbaren Krebserkrankungen zu reden, halte ich für etwas unredlich.

Nun macht ja Primärprävention durchaus Sinn. Jede verhinderte Krebserkrankung ist verhindertes Leid, nicht nur für die Erkrankten selbst sondern auch für die in aller Regel mitbetroffenen Angehörigen und Bezugspersonen. Jede verhinderte Krebserkrankung bedeutet auch eine Menge eingesparte Kosten, was die eigentliche Behandlung der Erkrankung und ihrer Folgen (Langzeitfolgen, psychische Störungen ect. auch der Mitbetroffenen) betrifft, aber auch gesellschaftliche Folgekosten durch Arbeitsausfälle, Frühverrentung etc. Ein Aspekt, an dem man einfach nicht vorbei kommt, und wenn es nur darum geht, den verbliebenen Erkrankten eine optimale und leider auch immer teurer werdende Therapie zu ermöglichen (die allerdings auch dazu beträgt, dass viele Erkrankte wieder oder länger ins Arbeitsleben zurückkehren können und dadurch wiederum gesellschaftliche Folgekosten abgemildert werden).

Allerdings sollten solche Kampagnen zu zwei Dingen nicht führen, die leider immer öfter zu beobachten sind: 1. Victim blaming und 2. ein massiver gesellschaftlicher Zwang zur Selbstoptimierung.

Erstens kann man eine konkrete Krebserkrankung einer konkreten Person praktisch nie auf eine konkrete Ursache zurückführen. Einem einmal erkrankten Raucher die Schuld an seiner Erkrankung zuzuweisen ist schlicht Blödsinn, weil eben auch lebenslange Nichtraucher an Lungenkrebs erkranken können, ohne dass eine konkrete Ursache fassbar wäre und andererseits auch Kettenraucher ohne eine Lungenkrebserkrankung davon kommen können. Exakt das gleiche gilt für alle anderen Lebensstilfaktoren. Auch die penibleste Einhaltung sämtlicher Empfehlungen dazu verhindert nicht sicher, irgendwann von irgendeiner Krebserkrankung betroffen zu sein. Es geht immer nur um Wahrscheinlichkeiten und Verringerung von Risiken, was durchaus möglich ist. Die Schuldfrage lässt sich nicht klären, und für die Betroffenen ist sie auch überhaupt nicht mehr relevant.

Obwohl dies insbesondere den Fachleuten rund um Krebserkrankungen bekannt sein sollte, wird bisweilen sogar von diesen victim blaming, also Schuldzuweisung an die Betroffenen betrieben, was nicht ohne Auswirkung auf das Verhalten und die Meinungen in der Gesellschaft insgesamt bleibt. Hier tut allgemeine Aufklärung not, die am besten in Verbinung mit einer Kampagne wie der jetzigen betrieben würde, was aber leider nicht der Fall ist. Leider ist eben zu erwarten, dass sich der Trend, Erkrankten, nicht nur von Krebs Betroffene, die Schuld für ihre konkrete Erkrankung zuzuschieben, verbunden leider auch oft mit der Forderung nach einer Sanktionen im Erkrankungsfalle, fortsetzt. Das bedeutet letztlich Menschen dafür bestrafen zu wollen, dass sie krank geworden sind, obwohl im konkreten Falle nicht nachgewiesen werden kann, was genau und ob ein konkretes, eindeutig benennbares Fehlverhalten die Ursache war.

Zweitens ist die Forderung nach einem gesunden Lebensstil natürlich auch gleichzeitig eine Forderung nach Selbstoptimierung. Das ist zunächst einmal nicht schlimm, solange das nicht zur gesellschaftlichen Ächtung derer führt, die dieser Forderung nicht oder nicht im vollen Umfang (was letztlich auch gar nicht möglich ist) nachkommen, aus welchen Gründen auch immer, die nicht bewertet werden sollten. Bodyschaming, religiös überhöhte Ernährungsideologien, die genau als solche aggressiv vertreten werden, manisches Sporttreiben mit Ausgrenzung derer, die sich nicht daran beteiligen wollen oder können, und andere Auswüchse sind letztlich die mittelbaren Folgen eines verstärkten gesellschaftlichen Zwanges zur Selbstoptimierung.

Ob und wie weit ich mich selbst optimieren kann und will muss am Ende immer noch ich selbst und ohne Zwang entscheiden können. Sanktionen sind nicht sinnvoll, Belohnungen im Einzelfall ggf. schon. Forderungen nach höheren Beiträgen zur Krankenversicherung für Bewegungsmuffel oder Raucher wurden durchaus schon laut, sind aber ganz sicher der falschen Weg und führen am Ende zu Diskriminierungen. Belohnung in Form von Bonusprogrammen können hingegen einen positiven Effekt bringen, sollten aber richtig konzipiert sein.

Werbeanzeigen

Jatrosom

7 Sep

Der Psychiater und ich hatten schon mal darüber gesprochen, die Medikation nochmal zu eskalieren, indem der selektive und reversible MAO-Hemmer Moclobemid durch den nichtselektiven und irreversiblen MAO-Hemmer Tranylcypromin (Jatrosom) ersetzt werden sollte. Das macht insofern Sinn, als dieses Medikament neben Serotonin und Noradrenalin auch den Dopaminspiegel anhebt. Das hat zum einen psychische Wirkung auf das Belohnungssystem mit der Erwartung, dass Belohnungen wirksamer werden und eigenes Belonhungsverhalten mehr und positiver wahrgenommen werden kann und zum anderen könnte es sich positiv auf die von mir empfundenen Einschränkungen der Feinmotorik insbesondere bei der Handschrift, der Koordination und auf die Kombination Polyneuropahtie/Restless Legs auswirken. Für letztere war schon einmal seitens der Neurologie der Einsatz von L-Dopa in Erwägung gezogen worden, was aber andere Nachteile hat, unter anderem die Wahrscheinlichkeit, die Dosis mit der zeit steigern zu müssen und ggf. dann bei einer gesicherten Manifestantion eines Parkinson, der immer noch im Raum steht, dann weniger Spielraum zu haben.

Nach ausführlicher Besprechnung der sich aus einer solchen Umstellung ergebenden Konsequenzen war ich mit dem Versuch mit diesem Medikament einverstanden. Ein Zurück zu Moclobemid ist möglich, die möglichen Nebenwirkungen sind mir bekannt und sollten beherrschbar sein. Einziger Unsicherheitsfaktor war zunächst die Diät, die während der Einnahme eingehalten werden muss und in diesem Falle ziemlich konsequent. Da Jatrosom beide Monoaminoxidasen irreversibel hemmt, kann es bei Aufnahme bestimmter biogener Amine, insbesondere Tyramin zu einem gefährlichen Anstieg des Serotoninspiegels kommen (Serotoninsyndrom). Ein milder Anstieg ist zwar erwünscht, überschießend kann ein Anstieg aber unter anderem zu erheblichen Blutdruckanstiegen oder -abfällen, im Extremfall zu Hirnblutungen führen. Außerdem verträgt sich das Medikament (wie allerdings auch andere, die ich einnehme) nicht mit Alkohol.

Es gibt eine lange Liste von Lebensmitteln, die verboten und solchen, die nur mit Vorsicht und in kleinen Mengen und bei jeder Mahlzeit nur jeweils eines davon in bestimmter Menge aufgenommen werden darf. Die Reaktion auf Diätfehler unter der Therapie ist indiviuell unterschiedlich, manche reagieren sehr empfindlich, während andere sich ohne Folgen auch Diätfehler mit eigentlich verbotenen Lebenmitteln erlauben können, was aber nicht voraussehbar ist.

Die Diät und, ob und wie konsequent ich sie einhalten könnte, war für mich eine offene Frage. Andererseits, wenn der Wechsel mein Befinden verbessern und mir den Umgang mit der Depression erleichtern könnte, sollte es die Anstrengung wert sein. Außerdem kann eine solche Beschränkung, positiv angenommen auch dem Leben zusätzliche Struktur geben, was ja zur Bewältigung durchaus erwünscht ist.

Seit knapp zwei Wochen nehme ich nun das Medikament, zunächst niedrig dosiert morgens und in Kombination mit einer geringen Dosis Moclobemind am frühen Nachmittag. Der Plan ist, komplett umzustellen und noch auf die doppelte oder dreifache Ddosis hochzudosieren.

Nebenwirkungen verspüre ich kaum, und die Diät lässt sich erstaunlich gut handhaben. Einige der verbotenen Lebensmittel waren mir schon lieb, insbesondere einige Käse und lange gereifte Rohwurst, einige fermentierte Lebensmittel sowie hin und wieder ein kleiner Schluck Wein und alkoholfreies Bier (das wegen des möglichen Gehalts von Aminen aus der Bierhefe auch verboten ist). Der Vezicht ist aber machbar. Unter den explizit erlaubten Dingen ist vieles, was ich ebenfalls gern esse und trinke.

Gleich  am ersten Wochenende war ich unterwegs zu zu einer Tagung. Das reichhaltige Angebot im Hotel war zu gefühlt 90% mit der Liste kompatibel. Bei einem Besuch eines italiensichen Restaurants waren Einschränkungen etwas größer und in einem chinesischen Restaurant wohin ich eingeladen war, war gut die Hälfte der Speisekarte für mich tabu. Es blieb jedoch immer genug Auswahl. Dieser Teil der Bedenken ist damit schon ausgeräumt.

Eine erste positive Wirkung ist spürbar, der Antrieb ist besser, die Auswirkung auf die Stimmung dürfte erst später einsetzen, außerdem muss ja nocht aufdosiert werden. Subjektiv habe ich aber bereits den Eindruck, dass meine Handschrift flüssiger und die Koordination besser geworden ist. Insofern bin ich hoffnungsfroh (und auch das ist ja schon eine positive Wirkung).

#notjustsad

Zitat

Akzeptanz  — Vom Suchen und Finden

7 Sep

Akzeptanz ist sicher ein gutes Mittel. Wie viele gute Werkzeuge, die ich inzwischen kenne, fällt es mir auch bei diesem so  schwer es konsequent anzuwenden.

Von der Idee, dass die Depression eines Tages völlig verschwunden sein könnte, habe ich mich zunächst mal schon verabschiedet. Soweit kann ich das akzeptieren. Die Aufgabe der Therapie sowohl der medikamentösen als auch der Psychotherapie besteht für mich jetzt darin, mit ihr leben zu können, besser mit ihr leben zu können als bisher. Das funktioniert im Prinzip – in sehr kleinen Schritten – auch. Die Hoffnung ist, dass die Pharma hilft die kongnitiven Werkzeuge besser einsetzen zu können. Da hat sich eine Veränderung ergeben, deren Auswikung nun abzuwarten sind.

via Akzeptanz  — Vom Suchen und Finden