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Nach langer Zeit mal wieder

1 Apr

ein Spruch von meinem Lieblingssprücheklopfer Lichtenberg, nach wie vor Sohn des Städtchen, dessen Bürger ich derzeit bin.

„Ich möchte was darum geben, genau zu wissen, für wen eigentlich die Taten getan worden sind, von denen man öffentlich sagt, sie wären für das Vaterland getan worden.“

Georg Christoph Lichtenberg (* 1. Juli 1742 in Ober-Ramstadt bei Darmstadt; † 24. Februar 1799 in Göttingen) Mathematiker, Physiker, Aphoristiker

 

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#ichbinhier

1 Mrz

Ich auch, und ich finde es gut, dass so viele auch hier sind. Bei der Facebookgruppe #ichbinhier bin ich mehr oder weniger durch Zufall gelandet, nachdem ich ebenfalls auf Facebook über die Veröffentlichung einer Hassbotschaft gestolpert bin (es wurde auch in den Medien darüber berichtet). Die Leute vom Miniaturwunderland regten dann dazu an, sich gegen Hasskommentare, rassistische Äußerungen, Diskriminierungen, Verbreitung von Unwahrheiten ect. zu engagieren, zum Beispiel in der geschlossenen Facebookgruppe #ichbinhier. Ich hab mir die Gruppenbeschreibung angeschaut und um Aufnahme gebeten, die mir auch gewährt wurde, was sicher kein Privileg ist. Niemand, der nicht gerade Hassbotschaften oder ähnliches in seiner Timeline hat oder solche offensichtlich unterstützt, dürfte wohl abgewiesen werden. Sinn und Zweck der Gruppe wird beim BR ganz gut beschrieben.

Ich hab auch schon früher immer mal wieder, in letzter Zeit weniger, auf üble Kommentare auf einschlägigen Seiten und Profilen reagiert, teilweise auch heftiger, zwar nicht beleidigend aber bisweilen vielleicht doch mit einem etwas aufgeregteren oder sogar aggressiven Unterton. Zweifel, dass solche Reaktionen angebracht oder nützlich sind, hatte ich immer mal. Oft waren die Sachen, auf die ich reagiert habe aber so schwer erträglich, dass ich einfach reagieren zu müssen meinte. Manche Leute waren sich auch sicher, dass man scharf reagieren müsse, wenn man überhaupt irgendwas bewirken will. Ich hatte da meine Zweifel, aber ich hatte auch meine Zweifel, dass man ausschließlich mit betont respektvollem Einsatz viel erreichen wird.

Dann kam ich eben zu #ichbinhier und habe gemerkt, dass ein geballter Einsatz von überlegten, einigermaßen unaufgeregten und von Sachlichkeit getragenen Kommentaren durch hetzerische, Unwahrheiten verbreitende, diskriminierende Kommentare aus den Fugen geratende Threads in eine andere Richtung biegen können. Und ich mache jetzt einfach mal im Rahmen meiner Möglichkeiten mit.

Ich muss sagen, es tut gut zu erfahren, dass viele Tropfen gelegentlich eben doch den Stein höhlen können, dass es so viele und täglich so viel mehr Menschen gibt, die sich gemeinsam um eine bessere Diskussionskultur im Medium Facebook bemühen, dass man auch ein Stück weit getragen wird von so einer Gemeinschaft. Und schließlich erfahre ich dort auch etwas über mich selbst und lerne immer mal wieder zurückzutreten und zu versuchen eben nicht dem ersten Impuls folgend loszuschreiben sondern mit Bedacht zu formulieren und auch so zu denken. Nicht immer und sofort gelingt das, aber man lernt auch am Beispiel anderer. Für mich ist das eine gute und wertvolle Erfahrung. Die Hardcore-Hetzer, die überzeugten Stammtischler oder gar neue Nazis wird man kaum damit zum Nach- oder gar Umdenken bewegen können. Aber Grundstimmungen in entgleisenden Diskussionen lassen sich drehen, und das ist wichtig. Der Vernunft eine Stimme geben. Ich kann das nur empfehlen, es ist eine gute Selbsterfahrung, auch dann, wenn man vielleicht (zunächst) noch zögert aktiv mit zu tun und sich einfach anschaut, was dort passiert.

Zum Ende vielleicht ein Beispiel von heute. Ein Bericht auf der Seite von N24, ein bisschen zu reißerisch aufgemacht, man will ja Klicks bekommen. Darunter massenhaft Kommentare mit dem Tenor, dass das ja wieder nur Migranten gewesen sein können, obwohl davon nichts erwähnt wurde und obwohl das eigentlich erstmal überhaupt nichts zu Sache tut, welcher Herkunft die Störer waren. Es sollte doch eigentlich in erster Linie um das betroffene Kind gehen. Viele, viele Menschen, sicher weit über hundert Kommentare, kommentierten ganz überwiegend sachlich gegen Spekulationen, Unterstellungen, Hass an, und die üblen Kommentatoren verloren allmählich die „Lufthoheit“.

Und dann kommt aus den Reihen von #ichbinhier am Ende noch so ein Kommentar, der nochmal alle Spekulanten, alle Hetzer, alle diejenigen, die meinen, es könnte ja keine Deutschen gewesen sein, weil Deutsche sowas ja nicht tun, Lügen straft. Da dachte ich bei mir, es ist gut, dass es diese Initiative und diese Gruppe gibt. Und es ist gut sich ein wenig im Rahmen der Möglichkeiten zu beteiligen.

Endlich

17 Dez

konnte ich sie live sehen, Gabby Young. Sie steht mir irgendwie nahe. Weil ich erstens Ihre Musik sehr mag, seit ich sie vor ungefähr 6 Jahren entdeckt und zum ersten Mal gehört habe. Und zweitens, naja sie hatte eben auch Schilddrüsenkrebs. Ob der es war, der ihre mögliche Opernkarriere verhindert hat, eine diesbezüglich ausgebildete Stimme hatte sie Anfang 20, oder die Entdeckung „anderer“ Musik, darüber herrscht kein Konsens. Jedenfalls hat sie sich nach der zunächst erfolgreichen Behandlung entschieden eben diese andere Musik zu machen, eine geniale, wilde Mischung von allem Möglichen folkigen, Gipsy, Jazz, Balladen u.v.m. Erst im Frühjahr kam dann ein Rezidiv und eine erneute erfolgreiche Operation. Eigentlich macht sie das nicht zum Thema, die meisten ihrer Fans wissen das, mehr aber auch nicht.

Bis auf die Tatsache, dass sie gestern Abend die Narbe der OP nicht überschminkt hatte. Aus meiner Sicht eine Aussage. Ich höre nämlich relativ oft die Frage nach der Narbe, ob sie denn groß werden würde, wie lange man sie denn sieht, von Menschen mit dieser Diagnose vor einer OP, hauptsächlich von Frauen. Ich finde, man darf sie ruhig sehen, ein Überbleibsel, eine Erinnerung, vielleicht auch eine kleine Mahnung, auf sich Acht zu geben.

Jedenfalls war das Konzert mit einem leicht an die Weihnachtszeit angepassten Programm wunderbar, auch der „opening act“ um die israelische Sängerin Sivan Talmor, die die erste halbe Stunde bestritt. Die Atmosphäre im Bad Homburger Kulturbahnhof war auch ganz wunderbar.

Für mich war das zeitweise recht emotional nicht wegen der Krebsgeschichte, sondern aus anderen Gründen, vornehmlich der Lieder und deren Texte, die in dem gegenüber den Albumaufnahmen und Videos etwas reduzierten Auftritt noch besser zur Geltung kamen. Und wegen dem zweiten „endlich“:

Endlich habe ich wieder vor einem positiven Ereignis sowas wie ehrliche Vorfreude empfunden. Ich habe mich tatsächlich ganz uneingeschränkt auf dieses Konzert gefreut und dabei erst gemerkt, was mir die Depression langsam aber sicher in der Zeit, als sie sich in meinem Kopf breitgemacht hat, eigentlich genommen hat.

Als ich zum 60. Geburtstag im Juli die für mich unglaublich wertvollen Karten für J.M. Jarre in Frankfurt geschenkt bekam, habe ich mich schon irgendwie gefreut, und das Geschenk hat mir sehr viel bedeutet, ohne Zweifel. Auch war das Konzert dann Mitte Oktober ganz ohne Zweifel absolut großartig, vor allem als Erinnerung daran, dass ich 40 jahre vorher meine erste LP von Jarre gekauft hatte. Aber so richtige ehrliche Vorfreude kam irgendwie nicht auf, es mischten sich  Bedenken von allerlei Art ein, die schwarze Dame ging energisch dazwischen, ich hatte mich  gefälligst nicht darauf zu freuen. Natürlich, gut war es trotzdem, beeindruckend. Aber den gestrigen Abend habe ich mit allen Sinnen genossen und wenigstens bei diesem Ereignis kam sie mir nicht dazwischen. Ganz verlassen hat die Dame mich noch nicht, sie lauert vermutlich noch ziemlich nahe. Ob ich sie je ganz los werde, wird sich zeigen. Für gestern war jedenfalls Ruhe, und das ist doch schon mal sehr gut.

Das erste Stück Musik, dass ich von Gabby Young gehört habe, ist dieses hier, allerdings damals in einer aufwändigeren Version. Gestern war es noch ein klein wenig intimer, und damit noch intensiver. Es war das letzte Stück des Abends, und damit schloss sich ein wunderbarer Kreis.

Was war es?

17 Nov

Beziehungsweise, was ist es denn nun? Die Frage im letzten Post war eher rhetorisch, denn eigentlich dürfte es einigermaßen klar sein. Ich hab das Thema trotzdem auf zwei Beiträge aufgeteilt, weil der Tenor des zweiten etwas anders ist, weniger eine Zustandsbeschreibung als Ursachen und Lösungansätze zum Inhalt hat. Vielleicht war es auch eine merkwürdige Idee, den ersten Beitrag so offen zu lassen.

Es handelt sich um eine Depression. Nicht mehr „nur“ um eine depressive Verstimmung. Dafür hält es zu lange an und beeinträchtigt praktisch meinen gesamten Alltag zu sehr, sofern man da noch von geregeltem Alltag reden kann. Und es gibt Kriterien dafür, von denen genügend zutreffen, wiewohl das Erscheinungsbild idividuell sehr unterschiedlich sein kann. Das ist auch inzwischen psychiatrisch abgeklärt, und ich bin in ambulanter Behandlung. Der Gang zum Psychiater war dann letztlich logisch, man geht mit anderen medizinischen Problemen ja auch zu einem entsprechenden Facharzt. Bei der Entscheidung für die Psychiatrie ist es vielleicht nicht ganz so selbstverständlich, weil immer noch mit vielen gesellschaftlichen Tabus behaftet. An sich hab ich da wenig Berührungsängste, zumal ich den ein oder anderen Betroffenen zumindest virtuell aber auch im real life kenne. Nur muss man erstmal drauf kommen, dass man wirklich betroffen sein könnte und für sich selbst erkennen, dass es dafür ja einen Facharzt gibt.

Da ich nicht suizidal bin, ist eine stationäre Behandlung nicht unbedingt indiziert, obwohl ich prinzipiell auch damit kein Problem insofern hätte, als ich da keine der üblichen verbreiteten Vorbehalte oder Befürchtungen habe. Allerdings wäre das in meiner derzeitigen Situation ziemlich sicher mit dem Ende meiner wirtschaftlichen Existenz verbunden, da es keine realistische Chance gäbe, mein Geschäft aufrecht zu erhalten. Kundschaft wäre zumindest teilweise verloren, eine Vertretung während einer stationären Behandlung wäre nicht finanzierbar, und das würde einen ganzen Rattenschwanz von Weiterungen nach sich ziehen, die allesamt mehr als belastend wären. Das sieht auch mein Behandler so, aber es gibt ja andere Möglichkeiten.

Ich bin inzwischen nach einem mehrwöchigen Fehlversuch mit einem SSRI, der mehr Nebenwirkung als spürbare erwünschte Wirkung erbrachte, mit einem noch relativ niedrig dosierten modernen resversiblen selektiven MAO-Hemmer versorgt, der außer auf Serotonin und Noradrenalin zusätzlich auch die Dopaminverfügbarkeit erhöht. Letzteres scheint für mich der Hauptgrund dafür zu sein, dass mir das Medikament eine Besserung bringt, sowohl der Stimmung als auch des Antriebs, auch wenn da sicher noch einige Luft nach oben ist. Man wird sehen, ob demnächst evtl. mit einer etwas höheren Dosierung noch mehr erreicht werden kann. Das kurz wirkende Schlafmittel zur Behebung der als anfängliche Nebenwirkung auftretenden Einschlafstörungen wird langsam ausgeschlichen, so wie es komfortabel möglich ist.

Natürlich wird auch anderweitig zusätzliche Arbeit notwendig sein. Ich werde versuchen eine kognitive Verhaltenstherapie zu bekommen, was bei der hiesigen Therapeuten“dichte“ und den üblichen Wartezeiten nicht ganz einfach sein wird. Aber ich möchte jetzt einen eher praxisorientierten Ansatz versuchen. Die vor längerem schon beendete tiefenpsychologisch fundierte Therapie hat mir einige Erkenntnis über mich selbst erbracht aber mich in der Übertragung von Erkenntnissen in den Alltag nicht wirklich viel weiter gebracht. Für die Zwischenzeit werde ich mich um ein online-Betreuungsprogramm meiner Krankenkasse bemühen, das diese offenbar nach einer Studienphase in 2014 und 2015 seit Oktober wieder aufgelegt hat, und von dem ich bis heute nichts wusste. Das ist auch prinzipiell verhaltenstherapeutisch angelegt und wird von ausgebildeten Therapeuten betreut. Solange noch keine andere Therapie begonnen oder fest geplant wurde, kann man das Angebot wahrnehmen.

Ursachen? Früher hat man ja nach endogener und reaktiver Depression unterschieden. Soweit mir bekannt ist, macht man das heute nicht mehr. Endogen ist ja eigentlich auch nur das Synonym für nix genaues weiß man nicht. Letztlich hat es immer irgendwie mit dem Hirnstoffwechsel bzw. den Neurotransmittern und ihrem Verhältnis zueinander zu tun, der aus welchem Grund auch immer irgendwie gestört oder verändert ist. Wie die Missverhältnisse dort letztlich zustande kommen, könnte einem zunächst mal egal sein, sie sind ja schon da, und man sollte etwas tun, um das positiv im Sinne einer Besserung der Symptome zu beeinflussen. Etwas darüber nachzudenken, was mögliche Grundlagen dieser gestörten Gleichgewichte sein könnten, ist aber natürlich auch sinnvoll.

Für mich steht im Vordergrund zunächst die Aufsummierung der Belastungen der letzten, sagen wir 8-10 Jahre, die alle geprägt waren von mindestens jeweils zwei schwerwiegenden teilweise existenzbedrohenden Ereignissen.

Daneben wurde ich auch darauf hingewiesen, dass individuell verschieden auch das Altern selbst diese Gleichgewichte verschieben kann. Da der MAO-Hemmer deutlich besser wirkt als der SSRI, kam für mich auch das Thema Dopamin aufgrund meiner Familienanamnese in den Sinn. Beide meine inzwischen verstorbenen Eltern litten im Alter an Erkrankungen, die durch einen Mangel an Dopamin gekennzeichnet sind und durch Dopamin bzw. L-Dopa günstig beeinflussbar waren (Parkinson, restless legs). Eine genetische Disposition für Störungen diesbezüglich wäre also auch denkbar und wurde vom Arzt nicht ausgeschlossen, da es für beide Syndrome genetische Prädispositionen mit familiär erhöhtem Erkrankungsrisiko gibt. Obwohl mein letzter Besuch beim Neurologen wegen der auch bestehenden Polyneuropathie schon eine Weile her ist, denke ich, dass zur Zeit eine aktuelle Erkrankung an einem der beiden Syndrome noch ausgeschlossen werden kann. Vielleicht ist aber eben das Verhältnis von Dopamin zu anderen Neurotransmittern bereits gestört. In jedem Fall ist der MAO-Hemmer für mich bisher eine Hilfe, und ich hoffe, da lässt sich noch mehr machen.

Es geht mir noch nicht gut aber besser. Immerhin denke ich, die medikamentöse Unterstützung wird es mir leichter machen, weitere Hilfen und vielleicht Lösungen zu suchen und zu finden.

Was ist das wohl?

16 Nov

Ich stehe neben mir beobachte mich und weiß, dass da etwas falsch läuft, ganz falsch. Selbstreflektiv bin ich ja, ziemlich gut sogar, wie mir von kompetenter Seite bestätigt wurde.

Ich weiß, was ich tun müsste, was mir gut tun könnte, was mir gut getan hat. Und ich kriege es nicht hin. Ich kann Dinge, die ich gern getan habe, die mich entspannt haben, die mir Kraft gegeben haben nicht mehr tun, mich nicht mehr aufraffen, die meisten jedenfalls.

Ich war früher mal fast wöchentlich im Kino, was ich mir nicht mehr leisten könnte, aber ich habe einen seit langem unbenutzten Kinogutschein.

Ich war früher mindestens zweimal wöchentlich im Wasser, schwimmenderweise, und ich habe eine Wertkarte für ein sehr schönes Wellnessbad, die mir etliche Eintritte ermöglichen würde, ich war ein einziges mal vor fast einem Jahr dort, was mir damals gut getan hat.

Wenn ich dann wirklich einmal etwas tue, was ich eigentlich gern täte, worauf ich mich gefreut habe, schaffe ich es nicht, das uneingeschränkt zu genießen. Zuletzt habe ich ein wirklich großartiges Konzert von Jean Michel Jarre besucht (worüber ich auch mal was schreiben sollte), das mir als außerordentlich großzügiges Geschenk einiger Bekannten und Freunde ermöglich wurde, und das ich mir selbst nicht hätte leisten können.

Immer wieder ist aber dann da das schlechte Gewissen: Es ist schon soviel Arbeit liegen geblieben, die längst getan sein sollte, der Schreibtisch sieht aus wie ein Schlachtfeld. Und doch schaffe ich es nicht mich effektiv und konzentriert länger damit auseinanderzusetzen, ohne das mich Grübeleien, Zweifel, schlechtes Gewissen, das Gefühl von Sinnlosigkeit wieder ablenken. Und ich lenke mich selbst ab mit allem möglichen.

Ich weiß selbst wie paradox das ist. Ich kenne sie ja alle, die guten Ratschläge: Entspann Dich mal. Du musst auch mal was für Dich tun. Grübel nicht so viel.
Ich kenne inzwischen durchaus auch ein paar potentiell wirksame Werkzeuge, Tagespläne, Mittel zur Strukturierung, wo mir doch die Struktur so sehr abhanden gekommen ist, habe einen MOOC zur Prokrastination mitgemacht. Ich weiß das doch alles!

Aber ich stehe neben mir und schaue mir zu, wie ich es einfach nicht gebacken kriege. Der Antrieb ist weg, oft vollständig, manchmal auf Bereiche beschränkt. Ich funktioniere gerade noch so, dass ich, meist unmotiviert, die allerwichtigsten Dinge, dringende Aufträge noch eben erledigt kriege. Ich quäle mich buchstäblich jeden Morgen meist später, als ich es vorhatte und sinnvoll gewesen wäre, aus dem Bett, in dem ich am liebsten liegen bleiben würde. Aber ich weiß ja, dass das die ohnehin mehr als angespannte Lage noch schwieriger mache würde.

Es gibt noch einen Bereich, der mir immer mal wieder Bestätigung und das Gefühl von Selbstwirksamkeit gibt, das mit in fast jedem anderen Bereich so fehlt. Das ist mein Ehrenamt. Aber auch da herrscht schlechtes Gewissen: Kann ich es mir eigentlich leisten, dafür soviel Zeit „zu verschwenden“, wo ich doch soviel „wichtigere“ Dinge erledigen müsste, die ich nicht geschafft kriege? Natürlich ist mir rational klar, dass ich nicht darauf verzichten sollte, mir wenigstens da Bestätigung zu holen, wo es noch funktioniert. Aber immer wieder sind da die Zweifel. Paradox ist auch, das ich offensichtlich anderen helfen konnte, teilweise mit Ratschlägen, die ich mir selsbt auch geben könnte. Sie greifen aber nicht, bzw. ich schaffe es nicht sie umzusetzen, ich schaffe es einfach nicht.

Dieses Gefühl der Ohnmacht, der Sinnlosigkeit der allermeisten Anstrengungen, die dann am Ende doch nicht ausreichen, macht auch teilweise wütend oder zumindest ungehalten auf mich  selbst. Ich merke ja, was aus dem Ruder läuft.

Die Ursachen sind vermutlich kaum eindeutig festzumachen. Es gab in den letzten Jahren überreichlich persönliche Belastungen. Todesfälle, etliche gesundheitliche Baustellen inklusive einer – wohl überstandenen – Krebserkrankung, vor allem wirtschaftliche Schwierigkeiten und geschäftliche Rückschläge zuhauf, familiäre Belastungen, mit pflegebedürftigen  und zum Teil schwer psychsich kranken Angehörigen bzw. Angehörigen von Angehörigen. Alles Dinge, die andere schon heil überstanden und sich wieder aufgerappelt haben. Mir haben sie offensichtlich  mehr zu schaffen gemacht als anderen. Selbstbewusstsein war noch nie meine wirkliche Stärke, auch als Kind und Jugendlicher schon nicht, obwohl ich im Grunde zumindest zeitweise nicht unerfolgreich war. Ich habe in einer längeren und schon vor längerem beendeten tiefenpsychologisch fundierten Therapie das ein oder andere über mich selbst erfahren. Diese Einheiten haben mich auch immer mal wieder aufgebaut, letztlich wirklich erfolgreich waren sie am Ende wohl rückwirkend betrachtet doch nicht. Wie gesagt, ich weiß schon das ein oder andere über mich, Selbstreflexion kann ich. Nur will es mir nicht so recht helfen.

Es gibt andere Möglichkeiten, wie genetische Disposition, Alter, Folgeerscheinungen von medizinische Maßnahmen. Vielleicht hat ADS eine Rolle gespielt, das war zu meiner Zeit kein Thema, obwohl vieles im Rückblick darauf hindeutet.

Es ist „not just sad“ ja meist noch nicht einmal das. Ich bin eigentlich nicht wirklich oft traurig, ich bin auch nicht müde, wie von  burnout oder (Tumor-)Fatigue Betroffene. Ich bin, soweit ich weiß, durchaus humorvoll, kann auch in dieser Situation lachen. Aber es fehlt trotzdem etwas essentielles, was früher da war. Manchmal wären intensive Gefühle, auch negative, vielleicht sogar besser.

Trotz des häufigen Gefühls von tiefer Sinnlosigkeit bin ich allerdings gottseidank ziemlich sicher nicht suizidal.

Es gibt einen Namen, ich weiß ihn inzwischen. Ich werde es demnächst aufklären. Vielleicht weiß oder ahnt es auch der ein oder andere, der das jetzt liest, schon.

Ich bin mir nicht sicher, ob man das öffentlich machen sollte. Aber ich denke, es hilft mir mit, mich zu sortieren, und das könnte Grund genug sein, es zu tun. Eine Karriere, der es schaden könnte, ist nicht zu sehen. Und andere haben es auch schon getan.

Einszweidrei, im Sauseschritt

24 Okt

Läuft die Zeit; wir laufen mit.
Wilhelm Busch.

Eben war an anderer Stelle die Rede von der Zeit, die rennt.
Für meinen Geschmack tut sie das zur Zeit erheblich zu schnell.
Ich weiß ja, dass sie eigentlich nicht weglaufen kann. Aber manchmal denke ich, sie hat Angst vor mir.

Vorsicht Wutrede

28 Aug

An anderer Stelle habe ich als Kommentar auf einen geteilten Artikel in „Jetzt“ bei der SZ die Sau rausgelassen, weil ich Wut im Bauch hatte. Die hab ich immer noch, und wenn ich mir den Kommentar nochmal so durchlese, finde ich, dass er wirklich genau das wiedergibt, was mir zum Thema schon seit längerem immer wieder im Kopf herum schwirrt. Daher hier auch nochmal, unbearbeitet, so wie er mir aus der Tastatur geflossen ist.

Es bestand bei denkenden Menschen nie ein Zweifel daran, dass wir das und noch einiges mehr schaffen können.
 
„Die Rechtspopulisten der AfD sind in manchen Landstrichen zur drittstärksten politischen Kraft aufgestiegen. Was haben sie bisher geschafft – außer mehr Hass?“
 
Nix! Und ich möchte hinzufügen: Was haben die Seehofers, Schäubles, die Misere und alle anderen Querschützen denn konkret so geschaft? Auch nix! Geht es uns durch ihre Meckerei und ständigen rein taktischen und personalmobbenden Attacken irgendiwe besser, als es uns ginge, wenn sie den Blödsinn unterlassen hätten? Nein, im Gegenteil. Jetzt haben wir die sich wie Karnickel vermehrenden und wie Schafe den Nazi-Unsinn nachblökenden „besorgten“ rechten Bürger am Hals, woran Seehofer und Konsorten einen gehörigen Anteil haben, obwohl sie ständig behaupten, gerade die in die Wähler der gemäßigten Perteien „integrieren“ zu wollen. Angesichts dieser Arschl…er kann ich gar nich so viel essen wie ich in Richtung gewisser Exponenten der Union aber auch der Linken, der SPD und der Grünen kotzen möchte.
 
Hätten die Deppen einfach mal mit angepackt, könnte Deutschland ein Vorzeigemodell in Sachen Flüchtlingspolitik sein. Hätten diese dämlichen Bedenkenträger nicht alle ins das Gemecker der anderen (Nicht)Europäer eingestimmt, könnte jetzt einiges besser und vor allem menschlicher sein bzgl. der Flüchtlinge. Vielleicht hätte man auch bei den Franzosen und den Briten was bewegen können, die sich am Kanal einiges an Kosten hätten sparen können.
 
… wenn man einfach mal mit etwas Selbstvetrauen und ohne allzu große Rücksicht auf Konzenrinteressen und die damals eher noch wenigen rechten Deppen angepackt hätte. Wenn man das Engagement der vielen, vielen Freiwilligen ernst genommen, durch Worte, Statements und Taten honoriert und damit gezeigt hätte, dass hier sehr wohl der Wille und die Ressourcen zum „wir schaffen das“ vorhanden waren, statt sie am langen Arm verhungern zu lassen und Ausländerfeinde mit der Betreuung von Ankömmlingen zu betrauen, die nichts weiter wollten als sich mit denen, die sie ablehenen, ein goldene Nase zu verdienen. Statt zuzuschauen, wie von Rechten unterwanderte Polizei in Dunkeldeutschland Ermittlungen gegen rechte Straftäter be- und verhindert. Die Liste dessen, was man hätte tun können aber unterlassen hat und was man hätte unterlassen können aber getan hat, ist endlos.
 
Jetzt allerdings haben wir den Salat, und der wird Merkel angehangen, die zuletzt auch einiges falsch gemacht hat, falsch machen musste, weil sie sonst auch den kläglichen Rest ihres einstigen guten Konzepts hätte aufgeben müssen, die aber gemessen an allen anderen am wenigsten für die Misere kann.
Ich bin wahrlich kein Merkel-Fan gewesen und bin es immer noch nicht. Doch dieses „wir schaffen das“ war eine der vernünftigsten Sätze, vielleicht der beste, den sie je gesagt hat. Kaputt gemacht haben das andere, aus überwiegend egoistischen Motiven, und die sollten sich schämen.

Auch an dieser Stelle nochmal

25 Aug

und aus immer wieder mehr oder weniger aktuellem Anlass:

Du sollst deinen Nächsten seines Glaubens wegen nicht braten, zumal du ihn nicht essen kannst.

Georg Christoph Lichtenberg

Wegschauen

29 Jul

Sollte man vielleicht wirklich manchmal wegschauen angesichts der vielen Schreckensmeldungen, die auf uns einprasseln, wie der Titel des Artikles  „Mut zum Wegschauen“ in der SZ suggerieren könnte?

Kann man überhaupt wegschauen, den Wahnsinn um uns herum verdrängen? Ich vermute nein. Es dürfte mittlerweile illusorisch sein, sich von allen Nachrichtenkanälen abkoppeln zu wollen und einfach Augen und Ohren vor allem um einen herum zu verschließen. Das geht nicht, und es ist vermutlich auch kaum sinnvoll. Wirklich wegschauen und Weghören meint der Artikel aber auch nicht. Noch nicht mal ignorieren meint er, denn auch das ist schwierig bis unmöglich und auch gar nicht sinnvoll. Wenn in meiner Nähe ein Polizeiwagen mit Lautsprecherdurchsage vorbeifährt und mir bedeutet, ich solle in den nächsten Stunden wegen einer Gefahrenlage besser zuhause bleiben, dann ist das sehr sinnvoll diese Aufforderung nicht zu ignorieren sondern in der Regel besser sie zu befolgen und auf weitere Nachrichten zu warten.

Was gemeint ist, ist wohl eher, sich nicht von einer allgemeinen Panik anstecken zu lassen, nicht Ängste bei sich schüren zu lassen, nicht in Aktionismus oder auch Rückzug zu verfallen – und vielleicht auch nicht unbedingt bei jeder Meldung sofort in den Chor der Betroffenen laut einzustimmen, wenn man selbst nicht wirklich betroffen ist. Letztere Aufforderung kann man leicht falsch verstehen und als Herzlosigkeit auslegen. Wenn man ehrlich betroffen ist, wenn man ehrliche Empathie empfindet, dann kann uns darf man diese natürlich zum Ausdruck bringen. Aber man muss nicht pro Forma, weil es eben grad alle so machen, in den großen Chor mit einstimmen, Profilbilder umfärben, „pray for …“ – Memes verteilen, wenn es einen nicht wirklich intensiv betroffen hat. Es ist nicht herzlos, das sein zu lassen und auch nicht pietätlos, in der Stadt wo vor zwei Tagen ein Anschlag geschah wieder „normal“ zu leben und etwas zu tun, was einem Spaß und Entspannung bringt, grillen, ausgehen ect. Es bringt keinem etwas in eine allgemeine Paranoia zu verfallen und aus irrationalen Ängsten öffentliche Veranstaltungen, Bahnhöfe, Flughäfen oder sonstwas zu meiden, am wenigsten denen, die zu Opfern geworden sind. Derer kann man gedenken, selbstverständlich, man sollte sie aber auch nicht instrumentalisieren, wie das immer wieder und praktisch in Sekunden nach einem solchen Ereignis geschieht. Wo wir helfen und nützlich sein können, sollten wir das tun. Des Voyeurimus sollten wir uns enthalten. Dazu gehört auch aus meiner Sicht, dass man nicht begierig jede einzelne Nachricht, die oft genug doch zunächst nur Spekulation ist sofort aufsaugen und vor uns selbst und anderen bewerten. Ich muss zugeben, dass mir das oft auch nicht spontan gelingt, dass ich mich dazu auch erst selbst zur Ordnung rufen muss. Man kann das aber üben.

Das Risiko, Opfer eines Terroranschlages oder auch eines Amoklaufes zu werden ist, selbst wenn sich diese noch erheblich vermehren sollten, gegenüber den ganz alltäglichen Risiken für Leib und Leben, denen wir uns völlig selbstverständlich ohne mit der Wimper zu zucken jeden Tag aussetzen, verschwindend gering. Genau diese irrationale Angst, diese vermeintliche Ohnmacht (die in vieler anderer Hinscht viel realer ist als gerade bei den Anschlägen), die sich ausbreitende Paranoia ist ja das, was zumindest die Terroristen bezwecken, und womit sie ganz offensichtlich recht erfolgreich sind, wenn ich die vielen Äußerungen zur Angst aus meiner Umgebung  bedenke. In der Zeit zwischen den 70ern und 90ern kamen in Deutschland im Durchschnitt pro Jahre doppelt so viele Menschen durch Terroranschläge ums Leben wie in den Jahren danach bis heute. Amokläufe gab es zu jeder Zeit, über die Opferzahlen habe ich keine konkreten Informationen, ich glaube aber nicht, dass sie früher wesentlich unter den heutigen lagen. Es ist um eine vielfaches wahrscheinlicher an seinem Esssen zu ersticken als Opfer eines Anschlages zu werden. Das Essen stellen wir ja auch nicht deshalb ein, weil es die sehr geringe Wahrscheinlichkeit gibt, dabei ums Leben zu kommen, warum dann die groteske Angst vor Terroranschlägen, bei denen die Wahrscheinlichkeit zum Opfer zu werden noch viel geringer ist? Das Risiko Opfer zu werden ist selbst dann noch viel geringer, wenn die Anschläge noch deutlich zunehmen sollten.

Wir sollten gelassener mit den Geschehnissen umgehen, uns informieren wie groß, bzw. wie winzig klein die Risiken im Vergleich zu anderen sind. Angst war schon immer ein schlechter Ratgeber und nützt niemandem außer den Tätern. Gelâzenheit auch im Eckhartschen Sinne, Gleichgültigkeit anstreben nicht im negativen Sinn als Wegschauen, sondern die Dinge und Geschehnisse gleich gültig sein zu lassen, sie gelten zu lassen so, wie sie nun einmal geschehen sind und sich nicht rückgängig machen lassen.

Jetzt ist es also soweit

7 Jul

60 Jahre.

Als Kind waren 60 Jahre für mich ein kaum vorstellbares Alter, und 60 jährige waren steinalte Menschen. Natürlich starben die Menschen damals im Duchschnitt einige Jahre  früher als heute, mein Großvater mit 68. Jetzt bin ich selbst nahe an dem Alter. In den letzten Jahren haben die näher kommenden Einschläge auch schon den ein oder anderen Helden meiner Jugend in seinen 60ern erwischt, wenn auch die meisten Todesfälle in höherem Alter passiert sind. Gut 5 Jahre von der Rente entfernt – ich muss ja schon ein paar Monate länger als bis 65 warten. Nur wird die Rente nicht im entferntesten zum Leben reichen.

Ich fühle mich alt und jung gleichzeitig. Alt, weil sich gewisse Einschränkungen körperlicher Art einerseits und auch gewisse Entwicklungen psychischer Arte in Richtung Erwachsensein nicht völlig ignorieren lassen. Jung, weil ich mir in mancher Hinsicht sowohl im Positiven als auch, bisweilen zumindest, im negativen Kindlichkeit bewahrt habe und wohl manchmal auch etwas kindisch bin. Damit werden ich und andere wohl leben müssen. Damit selbst umgehen können kann ich wohl noch etwas lernen, grundsätzlich ändern kann und will ich es nicht.

Soweit mein Kommentar zum eigenen Wiegenfeste.