Jatrosom die 2.

12 Feb

Nach einer Steigerung von 10mg auf 2 x 10mg gesteigert wurde die Dosis inziwschen auf 3 x 10mg gesteigert. Die Stimmungslage ist insgesamt besser. Haupteffekt ist vor allem, dass der „Nebel“ den die Depression über alles breitet, durchsichtiger wurde und ich klarer meine Präferenzen aber auch die Einschränkungen erkenne, die mir die Erkrankung bereitet. Ich muss einsehen, dass meine mentalen Kapazitäten und meine Leistungsfähigkeit beschränkt sind, beschränkter, als ich noch vor einiger Zeit glaubte. Das hat mittlerweile dazu geführt, dass ich Konsequenzen gezogen habe, um mich von Engagements zu befreien, die mich über Gebühr beschäftigen und mich an anderen, existenziellen Stellen bremsen. Baustellen gibt es immer noch mehr als genug, und mit einem Todesfall in der Familie ist eine weitere, ziemlich komplizierte hinzu gekommen.

Es gibt natürlich Schwankungen da ich grad immer noch und auch neu gut belastet bin. Die zunehmende Erfahrung, dass die heftigen Tiefs relativ schnell auch wieder weichen macht aber zunehmend zuversichtlicher, dass die Schwankungen besser handlebar sind. Die erwünschten Wirkungen sind insgesamt zufriedenstellend.

Bei einem anstehenden Termin ist zu entscheiden, ob es dabei bleibt oder ggf. noch einmal um 10mg gesteigert werden sollte, was dann die höchste Dosis wäre, die man gemeinhin im außerstationären Setting gibt.

Natürlich gibt es auch negative Auswikrungen, keine Wirkung ohne Nebenwirkung. Die bei vielen Berichten als belastend beschriebenen relativ engen Diätvorschriften finde ich persönlich nicht als sehr einschränkend. Merklicher sind die orthostatischen Kreislaufprobleme, die schon ziemlich heftig spürbar sind. Wenn eben noch im Sitzen der Blutdruck bei 135/85 war ist er anschließend im Stehen schon mal bei 100/60. Da funktionieren Schnellstarts zur Haustür oder zum Telefon und spontane Treppengänge nur begrenzt und erst nach Innehalten und Warten auf den Kreislauf. Außerdem nimmt die sowieso bereits vorhandene, durch die Schädigung der Speicheldrüsen bei der Radioiodtherapie vor 10 Jahren bedingte, Mundtrockenheit zu. Das erfordert noch bewussteres Essen und führt bisweilen zu sehr unangenehmen Staus in der Speiseröhre.

Trotzdem sehe ich das Verhältnis von Kosten zu Nutzen doch merklich auf der Nutzenseite. Den gesteigerten Antrieb und die verbesserte Stimmung in konkretes Handeln umszusetzen, obliegt nun mir und gelingt im Durchschnitt zumindest besser als vorher. Die Fähigkeit zur Selbstorganisation lässt nach wie vor zu wünschen übrig. Selbstablenkung erkenne ich besser, es gelingt mir allerdings noch nicht gut, diese abzustellen.

Depression ist

28 Jan

irre – menschlich

psycho – logisch

hirn – rissig

kopf – lästig

ver – kopft

klein – mütig

weh – leidig

arm – seelig

gefühl – los

Lauter und rein

6 Dez

Nach den ersten beiden Halbsätzen war klar: Das muss von Eckart sein.

https://wp.me/p14kOY-2TI

Zitat

Kaum gefunden

20 Nov

schon dabei wieder verloren zu gehen.

Es wird wohl ein Blog zum Rückwärtslesen werden.

Ich bekam den Blog empfohlen anlässlich einer Veranstaltung, bei der es um Digitalisierung und Krebsthemen ging. Ich habe schon etliche Krebsblogs in meiner Blogosphäre gehabt, dies war ja anfangs selbst einer.

Dieser hier scheint ein ganz besonderer zu sein, geschrieben von einer ganz besonderen Frau, die sich nun verabschiedet.

via Palliativstation

Wie wunderbar

30 Okt

Ein Achtel Lorbeerblatt ist wieder online. Aktiv ist der Blog auf absehbare Zeit vermutlich nicht, aber die vorhandenen Beiträge sind endlich wieder zugänglich. Mir hat dieser Liedermacherblog immer sehr viel Freude bereitet, und ich werde hin und wieder sicher dort stöbern, jetzt, wo es wieder möglich ist.

Wertvoll war für mich immer auch die Möglichkeit Beiträge zu einem bestimmten Künstler zu suchen und einer liegt mir ganz besonders am Herzen: Christof Stählin. Zu seinem Tode gab es eine Reihe von Beiträgen dort, die von Weggefährten Christof Stählins verfasst wurden. Ich habe sie damals hier rebloggt. Leider führten die Links dann bald in’s Leere, als der Blog vom Netz ging. Nun also findet man die Beiträge unter seinem Namen wieder. Das ist für mich umso wertvoller, weil man sonst im Netz von dem gorßen Poeten Stählin nur sehr wenig findet.

Dabei ist eines meiner Lieblingsstücke von Stählin, das man sicher mehrfach hören muss um es vollumfänglich zu erfassen. Ich entdecke es mit jedem Hören neu.

https://einachtellorbeerblatt.wordpress.com/2017/05/10/christof-staehlin-seine-lieder-wegbegleiter-erinnern-sich-leise-leise-leise/

 

 

 

Prävention

11 Sep

Im Moment läuft gerade eine große Kampagne zur Primärprävention von Krebserkrankungen an, im wesentlichen vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg und der Deutschen Krebshilfe betrieben. Hintergrund ist, dass theoretisch(!) etwa 40% aller Krebsneuerkrankungen vermieden werden könnten, wenn alle(!) Menschen sich in ihrem Lebensstil entsprechend optimal(!) verhalten würden. Damit ist aber auch schon gesagt, dass diese Zahl eine wirklich theoretische ist, die in der Praxis weit davon entfernt ist, erreichbar zu sein. Dies wird bei der Kampagne allerdings nicht erläutert, denn 40% klingt natürlich besser als die 10-20%, die sich vermutlich bei einiger Anstrengung tatsächlich maximal erreichen ließen.

Die 40% würden nämlich bedeuten, dass niemand mehr raucht, alle weitgehend auf Alkohol verzichten, alle ihr Idealgewicht erreichen und halten, alle sich maximal gesund ernähren, alle mindestens 5 mal 20min in der Woche Sport treiben, alle genügend schlafen und einiges mehr, und zwar eben alle und alles gleichzeitig. Da im wesentlichen ohne weitere Erläuterung von diesen 40% vermeidbaren Krebserkrankungen zu reden, halte ich für etwas unredlich.

Nun macht ja Primärprävention durchaus Sinn. Jede verhinderte Krebserkrankung ist verhindertes Leid, nicht nur für die Erkrankten selbst sondern auch für die in aller Regel mitbetroffenen Angehörigen und Bezugspersonen. Jede verhinderte Krebserkrankung bedeutet auch eine Menge eingesparte Kosten, was die eigentliche Behandlung der Erkrankung und ihrer Folgen (Langzeitfolgen, psychische Störungen ect. auch der Mitbetroffenen) betrifft, aber auch gesellschaftliche Folgekosten durch Arbeitsausfälle, Frühverrentung etc. Ein Aspekt, an dem man einfach nicht vorbei kommt, und wenn es nur darum geht, den verbliebenen Erkrankten eine optimale und leider auch immer teurer werdende Therapie zu ermöglichen (die allerdings auch dazu beträgt, dass viele Erkrankte wieder oder länger ins Arbeitsleben zurückkehren können und dadurch wiederum gesellschaftliche Folgekosten abgemildert werden).

Allerdings sollten solche Kampagnen zu zwei Dingen nicht führen, die leider immer öfter zu beobachten sind: 1. Victim blaming und 2. ein massiver gesellschaftlicher Zwang zur Selbstoptimierung.

Erstens kann man eine konkrete Krebserkrankung einer konkreten Person praktisch nie auf eine konkrete Ursache zurückführen. Einem einmal erkrankten Raucher die Schuld an seiner Erkrankung zuzuweisen ist schlicht Blödsinn, weil eben auch lebenslange Nichtraucher an Lungenkrebs erkranken können, ohne dass eine konkrete Ursache fassbar wäre und andererseits auch Kettenraucher ohne eine Lungenkrebserkrankung davon kommen können. Exakt das gleiche gilt für alle anderen Lebensstilfaktoren. Auch die penibleste Einhaltung sämtlicher Empfehlungen dazu verhindert nicht sicher, irgendwann von irgendeiner Krebserkrankung betroffen zu sein. Es geht immer nur um Wahrscheinlichkeiten und Verringerung von Risiken, was durchaus möglich ist. Die Schuldfrage lässt sich nicht klären, und für die Betroffenen ist sie auch überhaupt nicht mehr relevant.

Obwohl dies insbesondere den Fachleuten rund um Krebserkrankungen bekannt sein sollte, wird bisweilen sogar von diesen victim blaming, also Schuldzuweisung an die Betroffenen betrieben, was nicht ohne Auswirkung auf das Verhalten und die Meinungen in der Gesellschaft insgesamt bleibt. Hier tut allgemeine Aufklärung not, die am besten in Verbinung mit einer Kampagne wie der jetzigen betrieben würde, was aber leider nicht der Fall ist. Leider ist eben zu erwarten, dass sich der Trend, Erkrankten, nicht nur von Krebs Betroffene, die Schuld für ihre konkrete Erkrankung zuzuschieben, verbunden leider auch oft mit der Forderung nach einer Sanktionen im Erkrankungsfalle, fortsetzt. Das bedeutet letztlich Menschen dafür bestrafen zu wollen, dass sie krank geworden sind, obwohl im konkreten Falle nicht nachgewiesen werden kann, was genau und ob ein konkretes, eindeutig benennbares Fehlverhalten die Ursache war.

Zweitens ist die Forderung nach einem gesunden Lebensstil natürlich auch gleichzeitig eine Forderung nach Selbstoptimierung. Das ist zunächst einmal nicht schlimm, solange das nicht zur gesellschaftlichen Ächtung derer führt, die dieser Forderung nicht oder nicht im vollen Umfang (was letztlich auch gar nicht möglich ist) nachkommen, aus welchen Gründen auch immer, die nicht bewertet werden sollten. Bodyschaming, religiös überhöhte Ernährungsideologien, die genau als solche aggressiv vertreten werden, manisches Sporttreiben mit Ausgrenzung derer, die sich nicht daran beteiligen wollen oder können, und andere Auswüchse sind letztlich die mittelbaren Folgen eines verstärkten gesellschaftlichen Zwanges zur Selbstoptimierung.

Ob und wie weit ich mich selbst optimieren kann und will muss am Ende immer noch ich selbst und ohne Zwang entscheiden können. Sanktionen sind nicht sinnvoll, Belohnungen im Einzelfall ggf. schon. Forderungen nach höheren Beiträgen zur Krankenversicherung für Bewegungsmuffel oder Raucher wurden durchaus schon laut, sind aber ganz sicher der falschen Weg und führen am Ende zu Diskriminierungen. Belohnung in Form von Bonusprogrammen können hingegen einen positiven Effekt bringen, sollten aber richtig konzipiert sein.

Jatrosom

7 Sep

Der Psychiater und ich hatten schon mal darüber gesprochen, die Medikation nochmal zu eskalieren, indem der selektive und reversible MAO-Hemmer Moclobemid durch den nichtselektiven und irreversiblen MAO-Hemmer Tranylcypromin (Jatrosom) ersetzt werden sollte. Das macht insofern Sinn, als dieses Medikament neben Serotonin und Noradrenalin auch den Dopaminspiegel anhebt. Das hat zum einen psychische Wirkung auf das Belohnungssystem mit der Erwartung, dass Belohnungen wirksamer werden und eigenes Belonhungsverhalten mehr und positiver wahrgenommen werden kann und zum anderen könnte es sich positiv auf die von mir empfundenen Einschränkungen der Feinmotorik insbesondere bei der Handschrift, der Koordination und auf die Kombination Polyneuropahtie/Restless Legs auswirken. Für letztere war schon einmal seitens der Neurologie der Einsatz von L-Dopa in Erwägung gezogen worden, was aber andere Nachteile hat, unter anderem die Wahrscheinlichkeit, die Dosis mit der zeit steigern zu müssen und ggf. dann bei einer gesicherten Manifestantion eines Parkinson, der immer noch im Raum steht, dann weniger Spielraum zu haben.

Nach ausführlicher Besprechnung der sich aus einer solchen Umstellung ergebenden Konsequenzen war ich mit dem Versuch mit diesem Medikament einverstanden. Ein Zurück zu Moclobemid ist möglich, die möglichen Nebenwirkungen sind mir bekannt und sollten beherrschbar sein. Einziger Unsicherheitsfaktor war zunächst die Diät, die während der Einnahme eingehalten werden muss und in diesem Falle ziemlich konsequent. Da Jatrosom beide Monoaminoxidasen irreversibel hemmt, kann es bei Aufnahme bestimmter biogener Amine, insbesondere Tyramin zu einem gefährlichen Anstieg des Serotoninspiegels kommen (Serotoninsyndrom). Ein milder Anstieg ist zwar erwünscht, überschießend kann ein Anstieg aber unter anderem zu erheblichen Blutdruckanstiegen oder -abfällen, im Extremfall zu Hirnblutungen führen. Außerdem verträgt sich das Medikament (wie allerdings auch andere, die ich einnehme) nicht mit Alkohol.

Es gibt eine lange Liste von Lebensmitteln, die verboten und solchen, die nur mit Vorsicht und in kleinen Mengen und bei jeder Mahlzeit nur jeweils eines davon in bestimmter Menge aufgenommen werden darf. Die Reaktion auf Diätfehler unter der Therapie ist indiviuell unterschiedlich, manche reagieren sehr empfindlich, während andere sich ohne Folgen auch Diätfehler mit eigentlich verbotenen Lebenmitteln erlauben können, was aber nicht voraussehbar ist.

Die Diät und, ob und wie konsequent ich sie einhalten könnte, war für mich eine offene Frage. Andererseits, wenn der Wechsel mein Befinden verbessern und mir den Umgang mit der Depression erleichtern könnte, sollte es die Anstrengung wert sein. Außerdem kann eine solche Beschränkung, positiv angenommen auch dem Leben zusätzliche Struktur geben, was ja zur Bewältigung durchaus erwünscht ist.

Seit knapp zwei Wochen nehme ich nun das Medikament, zunächst niedrig dosiert morgens und in Kombination mit einer geringen Dosis Moclobemind am frühen Nachmittag. Der Plan ist, komplett umzustellen und noch auf die doppelte oder dreifache Ddosis hochzudosieren.

Nebenwirkungen verspüre ich kaum, und die Diät lässt sich erstaunlich gut handhaben. Einige der verbotenen Lebensmittel waren mir schon lieb, insbesondere einige Käse und lange gereifte Rohwurst, einige fermentierte Lebensmittel sowie hin und wieder ein kleiner Schluck Wein und alkoholfreies Bier (das wegen des möglichen Gehalts von Aminen aus der Bierhefe auch verboten ist). Der Vezicht ist aber machbar. Unter den explizit erlaubten Dingen ist vieles, was ich ebenfalls gern esse und trinke.

Gleich  am ersten Wochenende war ich unterwegs zu zu einer Tagung. Das reichhaltige Angebot im Hotel war zu gefühlt 90% mit der Liste kompatibel. Bei einem Besuch eines italiensichen Restaurants waren Einschränkungen etwas größer und in einem chinesischen Restaurant wohin ich eingeladen war, war gut die Hälfte der Speisekarte für mich tabu. Es blieb jedoch immer genug Auswahl. Dieser Teil der Bedenken ist damit schon ausgeräumt.

Eine erste positive Wirkung ist spürbar, der Antrieb ist besser, die Auswirkung auf die Stimmung dürfte erst später einsetzen, außerdem muss ja nocht aufdosiert werden. Subjektiv habe ich aber bereits den Eindruck, dass meine Handschrift flüssiger und die Koordination besser geworden ist. Insofern bin ich hoffnungsfroh (und auch das ist ja schon eine positive Wirkung).

#notjustsad

Zitat

Akzeptanz  — Vom Suchen und Finden

7 Sep

Akzeptanz ist sicher ein gutes Mittel. Wie viele gute Werkzeuge, die ich inzwischen kenne, fällt es mir auch bei diesem so  schwer es konsequent anzuwenden.

Von der Idee, dass die Depression eines Tages völlig verschwunden sein könnte, habe ich mich zunächst mal schon verabschiedet. Soweit kann ich das akzeptieren. Die Aufgabe der Therapie sowohl der medikamentösen als auch der Psychotherapie besteht für mich jetzt darin, mit ihr leben zu können, besser mit ihr leben zu können als bisher. Das funktioniert im Prinzip – in sehr kleinen Schritten – auch. Die Hoffnung ist, dass die Pharma hilft die kongnitiven Werkzeuge besser einsetzen zu können. Da hat sich eine Veränderung ergeben, deren Auswikung nun abzuwarten sind.

via Akzeptanz  — Vom Suchen und Finden

So ist das und ganz anders

28 Jul

mit der Depression.

Jede Depression ist anders, aber alle sind auch wieder irgendwie gleich. Ich bin, wie meist, durch Zufall bzw. weil ich auf Facebook der ACHSE (Allianz Chronischer Seltener Erkrankungen) folge und von dort über einen weiteren Umweg auf eine Podcastfolge gestoßen, die mich sehr berührt hat, ja in bestimmter Beziehung auch getriggert hat, aber das tut z.B. auch meine Therapie gelegentlich.

Wichtig an diesem Beitrag finde ich zum einen die Essenz, dass offensiver Umgang mit der Erkrankung Depression, wie auch mit anderen schweren Erkrankungen im Mittel vermutlich mehr Nutzen als Schaden hervorbringt, obwohl Schaden durchaus auch möglich ist, wie ich kürzlich am eigenen Leibe erfahren habe.

Wichtig ist auch, dass aufgezeigt wird, wie schwierig bis unmöglich es für Betroffene selbst ist zu verstehen, warum man sich gerade so (schelcht) fühlt, wie man sich fühlt, und dass es somit für die Umgebung noch schwieriger ist. Wie letztere damit umgehen kann oder auch nicht umgehen sollte, ist ebenfalls Thema.

 

„Eine Depression ist ’ne sehr, sehr einsame Kiste“

Schaut Euch den Beitrag an, wenn Ihr als Nichtbetroffene eine Ahnung erhaschen wollt, was da mit Menschen passiert, die betroffen sind, wenn Ihr Euch informieren wollt, was ihr tun könnt *** Spoiler: Ziemlich wenig, aber in der Nähe bleiben ***, wenn ihr als Betroffene eine weitere Perspektive erfahren wollt („kenne ich“ oder auch „ach so kann das auch sein“). Oder am besten hört auch den Podcast, der eindrucksvoller ist, auch wenn es bisweilen anstrengend und er fast genau 2 Stunden lang ist. Gelangweilt habe ich mich zumindest nicht.

Die anderen …

22 Jun

„Andere haben das auch geschafft“ „Schau dir den …. an, wie der wieder zurückgekommen ist“

Es sind nicht nur die „guten Ratschläge“ oder auch die gut gemeinten, die mir bisweilen gehörig auf den Geist gehen. Auch die „guten“ Beispiele, die mir aus allen möglichen Quellen gewollt oder ungewollt um die Ohren gehauen werden, bewirken zimelich oft das Gegenteil dessen, was sie berwirken sollen, sie demotivieren mich heftigst.

Mir ist klar, dass sie anders gemeint sind. Mir ist klar, dass es Menschen gibt, auf die sie tatsächlich motivierend wirken. Aber die teilweise auch als ganz Kampagnen gefahrenen Beispiele von Leuten, die „es geschafft haben“ bewirken nicht nur positives. Das Gefühl, verglichen zu werden oder mich vergleichen zu sollen, lähmt mich mehr als es mich motiviert. Die Erfahrung aus der Krebsselbsthilfe lehrt mich, dass man mit leuchtenden Beispielen eher vorsichtig sein sollte. Positive Erfahrungen sind gut und können anregen an der eigenen Situation zu arbeiten, können Wege aufzeigen, an die man vorher nicht gedacht hatte. Es sind aber immer individuelle Wege, die bei einer Person gepasst haben mögen, aber keineswegs eine Blaupause sein müssen und auch oft nicht sind, die auf alle Menschen zu passen. Das muss aber auch kommuniziert werden, sonst wird aus Anregung und Motivation schnell Frust über vermeintliches eigenes Versagen.

Besonders kritisch finde ich das bei öffentlichen Kampagnen, wie ich sie in Krankenkassenzeitungen, im Web – z.B. auch bei einem großen Selbsthilfe-Dachverband – sehe. Diese Kampagnen werden nämlich nicht nur von den Betroffenen selbst wahrgenommen, die dann für sich entscheiden könnten, ob das Beispiel für sie überhaupt passt. Sie werden auch von anderen, nicht Betroffenen wahrgenommen und bisweilen den Betroffenen um die Ohren gehauen. Das ist dann der Punkt, wo nicht ganz so resiliente Menschen in Schieflage geraten und anfangen sich selbst zu fragen, ob sie nicht schuld haben, dass es bei ihnen anders gelaufen ist. Bisweilen wird ihnen genau diese Frage auch von anderen gestellt, leider auch manchmal von Therapeuten, die eigentlich wissen sollten, dass man damit je nach Gemütslage auch Schaden bis zur Triggerung anrichten kann. Das erzeugt Schuldgefühle, und Schuldgefühle sind das letzte, was jemand mit angeknacksten Selbstbewusstsein in einer schwierigen Situation gebrauchen kann.

Unter anderen mit solchen Selbstvorwürfen bin ich in die Depression gerutscht, die mich jetzt seit mindestens 3 Jahren begleitet. Rational ist mir völlig klar, dass ich mich kaum mit einem 25 Jährigen vergleichen kann, der nach Krebserkrankung und anstrengender Therapie einen verständnisvollen Arbeitgeber gefunden hat, der ihn maximal förderte, und dann ziemlich erfolgreich ins Arbeitsleben eingestiegen ist. Die Ratio ist aber leider nicht immer das bestimmende Element im Kopf und im Herz, besonders nicht bei Menschen, die zu depressiven Phasen neigen, was nach und bei chronischen Erkrankungen öfter mal vorkommt und mit jedem vorangegangenen Misserfolg nicht unbedingt besser wir.

Rational ist mir vollkommen klar, dass man gute Ausgangsbedingungen nicht vorfinden sondern auch aktiv aufsuchen kann. Nur muss man sie eben auch finden können, manchmal gibt es sie auch einfach nicht, und der Aufbruch allein ist eine nicht immer zu bewältigende Anstrengung.

Wünschenswert wäre schon mal zumindest bei den öffentlichen „positiven Beispielen“, wenn darauf hingewiesen würde, dass es sich nicht um pauschal anwendbare Wege handelt, sondern dass solche Wege immer individuell zu beurteilen sind. Vielleicht wäre auch die Redukion auf die Fakten und der Verzicht auf die Heraushebung als besonders leuchtende und erstrebenswerte Beispiele gut.

Der zunehmende Druck zur Selbstoptimierung, der sich mir an den verschiedensten Stellen immer wieder aufdrängt, geht mir auf den Geist. Anderen mag es leicht fallen, das für sich zu ignorieren. Mir fällt das schwer.

Btw. für die Entwickler von Apps: Ich wünsche mir einen Schrittzähler, der genau und vor allem nur das macht, was der Name sagt: Schritte zählen. Ich möchte nicht ermuntert werden beim nächsten Mal noch mehr zu „leisten“, ich möchte keine Fitnesstips und auch nicht vorgerechnet bekommen, wieviele Kalorien ich verbrannt habe. Ich brauche nur eine Zahl, weiter nichts.